Archiv der Kategorie: Allgemein

Home Again!

Man sagt, die Landung sei das Schwierigste am ganzen Flug. Da freut man sich tagelang auf das Heimkommen. Zuerst ist man wie in einem Rausch: Nach 96 Nächten, 8800 gefahrenen Kilometern, 350 gesegelten Seemeilen und allen damit verbundenen Erlebnissen und Eindrücken wieder heil und glücklich im Quartier – wir fassen’s kaum.
Doch dann – schneller als mir lieb ist – beschleicht einem von hinten das Gefühl, welches man unterwegs ganz selten und leise verspürt hat. Das Gefühl, dass man das hektische Leben des Familien- und Arbeitsalltags nur keuchend bewältigen kann. Die Tage sind plötzlich wieder zu kurz, um alle Pendenzen abzuarbeiten. Das Gedächtnis wieder zu klein, um die Termine von allen fünf LX im Kopf zu behalten. Im Badezimmer tropft ein Wasserhahn, im Kühlschrank ist die Lampe kaputt und der Rasen hinter dem Haus wächst viel zu schnell. Das Haus ist zu gross, um überall Ordnung zu halten, und voll von Dingen, die man eigentlich gar nicht braucht, um zufrieden zu sein. Und zuständig für alles sind WIR. Können nicht einfach in den Camper sitzen und weiterfahren.
Sicher, unterwegs war auch nicht alles einfach. Ständig kochen und abwaschen, die Familienstimmung regulieren, nächste Ziele planen. Das ist auch Alltag. Aber Reisealltag. Der ist eindimensionaler und weniger komplex. Und das Schönste für mich: den ganzen Tag verbringt man zusammen. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang (sofern die Sonne da war). Kaum zu Hause, haben wieder alle ihre individuellen Lebensspuren. Treffen Freunde, gehen weg und kommen irgendwann wieder zurück. Man findet kaum noch einen Abend, an dem alle da sind, um nochmals alle LX-on-Tour-Videos zu schauen.

Aber was erzähle ich euch da! Ihr alle kennt das ja zur Genüge. Nun gehören auch wir wieder zum Club. Und sagen euch DANKE fürs Bloglesen und Kommentieren, DANKE für die Unterstützung und das Mittragen unserer Tour. Schön, dass wir euch bald wieder treffen können.

Text und Video: Steff
Soundtrack zum Video: Steff la Cheffe (Ha ke Ahnig); Patent Ochsner (Ausklar); Schweizerpsalm

Ich bin auch ein Backofen!

Für Iris, meine liebe Grill-Nachbarin

Nach 800 km Fahrt in der Abenddämmerung an der Autobahntankstelle noch schnell zwei Fertig-Pizzas kaufen. Als wir ihn aus seiner Kiste nehmen und auf dem Übernachtungsplatz neben dem Camper aufstellen, ist es bereits stockdunkel. Gas anschliessen, Funken geben und schon ertönt das geliebte «Puuuch!» der blauen Flammen. Wir stehen müde um seine wärmende Schale herum, wie die Obdachlosen um das Feuer im Ölfass. Und warten bis die Pizzas knusprig sind. Trinken Bier und Orangina. In der Ferne hört man den Atlantik rauschen.

Gekauft habe ich ihn heimlich. Ohne Absprache und ohne Budget. Die Verkäuferin im Coop Baucenter hat mir einen bereits zusammengebauten erklärt hat. Sie riecht nach altem Schweiss und ich stehe mit dem Rollmeter aufgeregt daneben. Messe zuerst ihn, und dann die graue Utz-Box. Doch, sollte klappen, wenn man für den Gasregler ein Loch in die Plastikbox sägt.

Das Heimkommen mit dem riesigen Karton ist dann etwa so, wie wenn man im Tierheim aus einer Laune heraus den herzigen Hund holt, den sich die Kinder schon so lange gewünscht haben, und ihn eines Abends als Überraschung heimbringt. Die Kids frohlocken, und beim Schatz zieht sich die Stirn in kaum wahrnehmbare Falten. Ihr Blick sagt: «Musste das wirklich sein?!», und ihr Mund: «Unser Camper wird immer schwerer…»

Heute würde sie ihn nie mehr hergeben. Um keinen Preis. Sagt sie selber. Denn in den drei Monaten hat er sich zum Herzstück unserer Reiseküche entwickelt. Angefangen haben wir ganz traditionell: Entrecôtes, Würstchen, vielleicht noch Broccholi oder Kartoffeln. Dann natürlich Fisch, wenn wir welchen gefangen haben. Das kommt öfters vor, als es den einen lieb ist. Fisch ganz, Fisch als Filet. In Klammern der Tipp für Fischfilets: Haut dran lassen, damit das Fleisch nicht auseinanderfällt. Zuerst Fleischseite anbraten, dann die Hautseite knusprig durchbacken. Geht wunderbar auf der eingesetzten Gusseisenplatte. Die habe ich nachträglich im Fachhandel gekauft, zwei Tage vor Abfahrt. Man setzt sie optional anstelle der einen Rosthälfte ein. Ums mit den knappen Worten eines guten Freundes zu sagen: «Hat sich bewährt!»

Sehr bald schon haben wir sein echtes Potenzial entdeckt, die Grenzen der klassischen Grill-Konventionen gedehnt und schliesslich gesprengt. Pizza backen. Oder Focaccias aus selbst gemachtem Hefeteig. Mit bretonischem «Fleur de Sel» und Provence Kräutern bestreut. Oder: Silvan brät vier Pack dicke Scheiben irischen Frühstücksspeck, während Milena in der Bratpfanne aus einem Dutzend Eier Rührei bruzzelt. Wird nach einem Strandmorgen als spätes Frühstück im Hui verputzt. Und die Mannschaft rülpst glücklich-satt. Nicht so toll funktionieren die Cordon-Bleus aus der Gefrierpackung. Die brösmeln irgendwie auseinander und werden trocken. Dafür ist Broccholi der echte Blockbuster geworden. In seine Blümchen geschnitten, mit Olivenöl und Salz beglückt. Direkt und roh auf den Rost, kleinste Flamme. Reissen mir die Mädels jeweils aus den Händen.

Noch kurz zum Technischen; der Vollständigkeit halber. Aufpassen muss man, wenn das Gas bei geschlossenem Deckel zündet, die junge Flamme aber von einem scharfen Windstoss wieder ausgelöscht wird. Merkt man das erst nach ein paar Minuten und drückt dann nochmals auf den Piezzo-Knopf, dann gilt die wichtigste 1.-August-Raketen-Regel: Der Kopf ist das allerhinterste Körperteil. Es ist dann nämlich kein zartes «Puuuch!» mehr, sondern ein trockenes «Bumm!», das den Deckel klappernd in die Höhe knallen lässt. Passiert dir nur einmal.

Was mich total überrascht: Die siebeneinhalb-Kilo Gasflasche von Zuhause hat drei Monate lang hingehalten. Und wir haben extrem oft gegrillt. Jetzt ist sie praktisch leer. Deshalb ist es Zeit, nach Hause zu fahren. Ich freue mich drauf, bald wieder mit Iris zu grillen.

Text und Video: Steff
Videosoundtrack: Coop Grill Soundtrack
https://www.youtube.com/watch?v=ue2dFArVfho

Ferienfilm

Rund 300 bis 500 Millionen Kubikmeter Wasser pumpt der Atlantik jeden Tag zweimal ins «Bassin d’Arcachon» hinein – und zweimal saugt er dieselbe Wassermenge wieder heraus. Das ist etwa ein Zehntel des ganzen Zürichsees – viermal jeden Tag. Bei mittlerem Hochwasser ist das Bassin rund 155 Quadratkilometer gross – doppelt so gross wie der Zürichsee. Bei Niedrigwasser ist nur etwa ein Viertel (40 Quadratkilometer) der Fläche mit Wasser bedeckt. Während des Niedrigwassers bewirtschaften 315 professionelle Austernzüchter ihre Austernbänke im Bassin.

An der Nordseite trennt die Halbinsel «Cap Ferret» das Bassin vom offenen Atlantik. Die Spitze dieses langen Sandfingers verschiebt sich jedes Jahr um bis zu 80 Meter, je nach Strömungs- und Windverhältnissen. An der Südseite des Bassins liegt die «Dune du Pyla», Europas grösste Wanderdüne. Mit ihren 110 Metern Höhe, 500 Metern Breite und knapp 3 Kilometern Länge fasst sie insgesamt 60 Millionen Kubikmeter Sand. Würde man diesen Sand in Güterwagons verladen, so ergäbe dies einen Zug von 12’000 Kilometern Länge. Das ist ungefähr die Luftliniendistanz zwischen  Tromsø und Kapstadt. Krass!

85 der insgesamt 220 Kilometer Radwege muss man befahren, wenn man auf dem Landweg vom «Cap Ferret» rund ums Becken herum an die «Dune du Pyla» will. Auf dem Wasserweg sind die beiden Landpunkte nur 2.2 Kilometer voneinander entfernt. In der Mitte dieser Meerenge liegt die grosse Sandbank «Banc d’Arguin», ein Vogelschutzgebiet von nationaler Bedeutung. Die beiden Wasserstrassen nördlich und südlich dieser Sandbank nennt man «les Passes». Wegen der unberechenbaren Strömungsverhältnisse werden sie von den Schiffsführern gefürchtet.

Auch die 76 Kilometer Sandstrand im und ums Bassin herum sind nicht ungefährlich. Jedes Jahr ertrinken hier durchschnittlich 11 Menschen. Dies obwohl die 10 Gemeinden viel für die Sicherheit der Badegäste tun: 56 Rettungsposten mit insgesamt 363 ausgebildeten Rettungsschwimmern sowie 2 Rettungshelikopter in permanenter Einsatzbereitschaft.

Text und Video: Steff
Soundtrack im Video: Heinz de Specht (Feriefilm); Georges Moustaki (Bahia)

 

La Dune du Pyla am Bassin d’Arcachon

 

Das Bassin d’Arcachon südlich von Bordeaux

 

Beides braucht Biss!

Beim Fischen…

  • braucht man oft viel Geduld, bis der Biss kommt.
  • ist es todlangweilig, wenn nichts läuft, und wird es plötzlich spannend, wenn doch etwas läuft.
  • ist es zusammen mit guten Kollegen am lustigsten.
  • braucht es jahrelanges Training, um wirklich gut zu werden.
  • kommt man nur mit guten Lehrern weiter, die einem Tipps geben und Tricks verraten.

Fischen ist eigentlich ein BISS-chen
wie Schule.

Video und Text: Silvan

Mille couleurs bleu


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Es gibt Leute, die behaupten blauer Himmel sei langweilig. Blau, welches meinen denn diese Leute? Das Blau in der gleissenden Mittagssonne, im Sommer, im Winter? Am Meer oder in den Bergen? In der Wüste oder über Graslandschaften?

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Das Blau an der französischen Riviera, das ihr auf Französisch sogar den Namen verliehen hat? Azurblau an der Côte d’Azur von dem alle schwärmen?

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Das Blau, das sich hinter den Pinienkronen in einer tiefblauen Färbung vom Dunkelgrün abhebt?

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Oder das Blau, das sich schlagartig und unheilverkündigend in violett verwandelt, wenn die Blitze des herannahenden Gewitters den Himmel erleuchten lassen.

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Oder etwa das Blau, das an einem perfekten Wintertag in den Bergen den Mont Blanc umspielt, um sich bei Sonnenuntergang in ein kitschiges Bild, durchzogen von zartrosa Streifen, zu verwandeln?

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Oder vielleicht das warme Hellblau über den gelben Sandbänken vom Bassin d’Arcachon, am Vormittag sanft leuchtend, am Mittag strahlend und am Abend übergehend in ein sattes dunkleres Blau. Das wiederum sich mit dem Gelb der Sonne vermischt und in Streifen in allen Varianten von gelb über orange und rot, zu violett wird und wieder ins Nachtblau übergeht, langsam kaum wahrnehmbar, sich von Minute zu Minute verändernd.

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Oder doch das nordische Blau, das in Skagen seit Jahrhunderten Maler inspiriert und so klar und beruhigend sogar erklärte Südenliebhaberinnen wie mich bezaubert.

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Und wer jetzt immer noch behauptet blau sei gleich blau, der hat noch nie die letzten Augusttage und den Beginn des Septembers in Nizza erlebt. Von einem Tag auf den anderen legt sich ein seidiger Schleier über das Blau, welches das Licht und die Geräusche dämpft und mit seiner Ruhe den süssen Herbst einläutet, das gleissende Licht des hellblauen Sommerhimmels der Vergangenheit übergebend.

Blauer Himmel gehört zu den spannendsten Phänomenen überhaupt, geprägt durch Variationen von Tageszeiten, Jahreszeiten und Landschaftsformen. Blau ist wunderbar, blau ist synonym für schön und lässt mit seinem Zwilling dem Sonnenlicht alle Landschaften in ihrer prachtvollsten Schönheit erstrahlen. Blau ist Balsam für die Seele.

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The Swentston Family

FÜR ALEX UND PETER

Die Zikaden kreischen. Über der grössten Sanddüne Europas flirrt die Mittagsluft. Silvan und ich schwitzen im heissen Schatten der Pinien und sortieren wieder mal unsere Köderboxen. Von Hecht, Forelle und Pollack in Irland auf den atlantischen Wolfsbarsch hier im Bassin d’Arcachon. «Sagt mal, Jungs», meint Nadine belustigt, «wenn man euch so zuhört, kriegt man den Eindruck, als würdet ihr alle eure Wobbler persönlich kennen…» Silvan blickt hoch, mit unfassbarem Erstaunen, dass man so eine Frage überhaupt stellen kann. «Natürlich, Mami, jeder Wobbler in unserer Box hat seine ganz eigene Geschichte!»

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Mit diesem zum Beispiel habe ich vor drei Jahren hier an der Düne meinen allerersten Wolfsbarsch überlistet. Das war ein absolutes «Blind Date», eine Art erweiterter Strandspaziergang mit der Angelrute am Morgen des zweiten Ferientags. Aus dem Augenwinkel eine Bewegung an der Wasseroberfläche wahrgenommen, hingeworfen – zack, Biss. «Just the beginning of a wonderful story», könnte man sagen. Gekauft habe ich diesen Japaner der Marke «Yozuri» in Süditalien bei einem alten Händler, der sein Geschäft nur noch von 11-14 und von 19-21 Uhr geöffnet hat und in seiner übrigen Zeit wundervolle Modellsegelschiffe baut.

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Voller Fischer-, Vater- und Ehemannstolz trage ich den Fisch die Düne hoch und zeige ihn Silvan, der verschlafen aus dem Wohnmobil guckt. Fast noch im Pischi packt dieser sein Angelzeugs und stürmt die Düne runter. Mit diesem «No Name» Wobbler zieht er eine halbe Stunde später seinen eigenen «Wolfi» an den Strand. Das brennt sich ein im kindlichen Nervensystem. Und drum fischt er diesen Wobbli immer und immer wieder. Und fängt damit auch.

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Billigst gekauft im Décathlon, dem französischen Sportsupermarkt. Wir nennen ihn «den Surfer», weil er aus dem Wasser guckt, wie ein Wellenreiter, der auf dem Brett sitzt und auf seine Welle wartet. «Der Surfer» fliegt ultra weit und lässt sich im Zickzack über die Wasseroberfläche führen. Szenenwechsel auf die andere Seite der Erdkugel – nach New Zealand. Nie mehr vergessen wir den Abend in der Taupo Bay auf der neuseeländischen Nordinsel, wo unser Surfer immer wieder von riesigen Kahawais, dem neuseeländischen Lachsbarsch, attackiert wird. Manchmal träume ich von ihren grossen Mäulern, die wie aus dem Nichts auftauchen. Und seither darf «der Surfer» überall hin mitkommen, auch wenn er selten gefischt wird.

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Zurück in die jüngste Gegenwart. Bei uns heisst er «der Böse», so wie die Schwinger der Profiliga. Ich habe ihn mir neulich in der Bretagne von Verkäufer aufschwatzen lassen. Klar, im Laden und aus Sicht der Verkäufer ist jeder Köder ein top Köder – Hauptsache, du kaufst ihn. Sind ja nicht ganz billig, die Besten der Guten. Aus Gründen unseres Persönlichkeitsschutzes (wörtlich zu verstehen) gehen wir hier aber nicht weiter in die buchhalterischen Details. Man lebt und fischt ja schliesslich nur einmal. Ich weiss nicht, ob er die Wolfsbarsche unter Wasser auch so böse anschaut wie uns. Auf jeden Fall ist er obergeil zum Fischen, weil man ihn an der Oberfläche und auch darunter führen kann. Er imitiert die wilden Fluchten eines verzweifelten Beutefischchens und reizt dadurch die Wolfis bis aufs Blut – und zum Biss. Hat schon mehrfach geklappt seit vorgestern.

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Fast banal im Vergleich ist seine Herkunft: Aus einem Laden in Wädenswil. Dort sehe ich den Besitzer immer nur grummelig hinter seinem Computer sitzen. Die Verkaufsarbeit übernehmen zwei Frauen, die jüngere fischt sogar selber und versteht was vom Business. Sie hat uns «Molix» empfohlen. Und ich muss sagen: Ich gäbe ihn nicht mehr her. Die Bissspuren an seinem Body zeugen vom konstanten Erfolg. Klein, aber schwer. Und dadurch fast universell im Einsatz. Auch bei viel Wind und kräftiger Gezeitenströmung.

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Bis gestern hatte «Molix» einen grösseren Bruder, ganz in weiss mit feinen Rostspuren an der Unterseite. Aber nachdem wir ihn in einer gefährlichen Rettungsaktion bei starker Strömung schwimmend aus den Gittern der Austernbänke befreit haben, reisst beim übernächsten Wurf die Schnur – und weg ist er. Das hier ist der kleine Bruder der der Familie «Molix». Kaum grösser als ein Streichholz, aber ein absoluter Kracher auf Zürisee Eglis und – wie wir seit ein paar Wochen gesichert sagen können – auch auf die andalusischen Black Bass.

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Wir nennen ihn «den Sandaal», weil er ausschaut wie dieser beliebte Beutefisch des Wolfsbarsch. Mein absoluter Hit-Wobbler, nicht nur vom Strand aus, wo er wegen eines ausgeklügelten Systems an rasselnden Gewichtskugeln im Bauch extrem weit fliegt. Vor drei Jahren haben wir unseren Lern- und Erfahrungsschatz bezüglich Wolfsbarschangeln sprunghaft erweitert. Schuld daran ist Mickael, ein lokaler Angelguide auf dem Bassin d’Arcachon. Von seinem tanzenden Schlauchboot aus haben wir unsere Wobbler in riesige brechende Wellen geschmissen. Dorthin, wo die Wolfis als Muskeltorpedos jagen. Und mein «Sandaal» hat dann noch Fisch gebracht, als Mickaels Oberflächenwobblis schon lange alle Haken von sich gestreckt haben.

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Trotzdem habe ich Mickael, unserem Guide, diesen top Köder für wenig Geld abgekauft. Als Erinnerung an meinen bisher grössten «Bar», wie der atlantische Wolfsbarsch hier genannt wird. Eine Begegnung, die sich einprägt wie die erste Liebesnacht. Der «Weisse von Mickael» nennen wir ihn etwas unromantisch.

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Keine Ahnung, wie viele Leser wir bis jetzt schon verloren haben unterwegs. Wer will’s verdenken, ist wirklich nicht jedermanns Sache, diese Wobbler Storys. Wären wir ganz unter uns: Wir könnten noch stundenlang so weiter machen – ich weiss, ich weiss: Ihr eher weniger…
Die meisten Angler-Geschichten sind ja Erfolgsgeschichten. Nicht deshalb, weil Angeln immer von Erfolg gekrönt ist, sondern weil Angler nur selten über ihre Misserfolge sprechen. Dieser Wobbler ist so eine. Ich habe ihn auf einem amerikanischen Youtube Video kennengelernt. Zwei stattliche Burschen in den glory Vierzigern haben dort einen Fisch um den anderen gedrillt. Gross und kampfstark (die Fische, nicht die Burschen), wie sie kaum in meinen feuchtesten Träumen vorkommen. Hab ihn mir dann über den amerikanischen ebay-Shop «I love Hard Bait» (Hard Bait heisst grob gesagt: Wobbler) gleich in verschiedenen Grössen schicken lassen. Die rostigen Haken beweisen es: Ich fische ihn immer wieder; unermüdlich hoffend. Hatte aber – ich bin ganz offen und ehrlich – noch keinen einzigen Biss drauf. Nicht einmal dann, wenn die Fische in solcher Beisslaune sind, dass sie auch nackte Haken schnappen würden. Einen Namen gebe ich ihm erst, wenn er mir Fisch bringt. Trotzdem: Ich bleibe ihm treu.

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Silvans absoluter Liebling. Mit ihm zaubert er fast unter jedem Schiff einen Egli und unter jeder Austernbank einen Wolfi hervor. Der «Pointer» stammt vom selben amerikanischen Shop. Ab drei Stück werden sie portofrei verschifft. Das gibt uns die Legitimation gegenüber Nicht-Fischerinnen, immer grad vier zu bestellen. Der Händler kennt alle Tricks: Egal, was drin ist schreibt er immer «40 Dollar» auf den grünen Zettel, dann bleibt das dicke Couvert zollfrei. Vielleicht liegt es an seiner roten Kiemenspalte, vielleicht an den wilden Fluchten, die er imitiert. So klein er ist: «Pointer» fängt immer überdurchschnittlich. Bei diesem ist von den vielen Fischen bereits ein Haken abgebrochen. Und mit Tränen in den Augen schreiben wir: Das ist das letzte Bild, das wir von ihm haben. Gestern hat er sich in den Brandungswellen still und heimlich von uns verabschiedet – Rest in Peace!

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Kennst du die Viertel-Regel? Habe ich extra für diesen Wobbler erfunden. Sie geht so: 25 Prozent des Erfolgs beim Angeln sind Geschick und Können, weitere 25 Prozent sind Ausdauer. So wie ein begnadeter Kumpel von uns. Der wirft acht Stunden lang auf Hecht und hat keinen einzigen Biss. Und in den letzten zehn Minuten des Tageslichts fängt er noch einen schönen Fisch. Der dritte Viertel ist die Hoffnung, dass es doch noch irgendwann klappt. Sie wird genährt von der Erinnerung, dass es schon mal geklappt hat. Und der letzte Viertel: Das Glück, zur richtigen Zeit mit dem richtigen Köder am richtigen Ort zu sein.
Dieser Wobbler steht für Viertel zwei und drei: Ausdauer und Hoffnung. Mit ihm – und nur mit ihm habe ich einen ganzen Tag lang auf Seeforelle geworfen, zusammen mit einem Kumpel von dessen Boot aus. Immer am Fähranleger in Horgen. Nix. Keinen Biss. Wieso dieser Wobbler immer noch mit darf, kann ich nicht sagen. Einen Namen hat er auch noch keinen. Aber seine Geschichte steht hier stellvertretend für alle anderen zwanzig, fünfzig oder hundert Wobbler, die wir irgendwann gekauft haben aber mit denen wir beim Angeln noch nie glücklich geworden sind. Und deshalb sind sie in die unteren Etagen unserer Köderboxen gewandert. Ich bitte alle nicht-fischenden und budgetüberwachenden Ehefrauen um Nachsicht, aber es geht leider nicht anders.

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Aber so traurig wollen wir die Geschichte der Swentston Family nicht abschliessen, oder? Deshalb noch kurz zu einer Studienreise unseres Betriebs, an der ich nur deshalb teilgenommen habe, weil sie im Frühling und auf Rügen stattgefunden hat. Schon lange mal wollte ich mit hunderten von unbekannten Kumpels auf der Rügener Brücke stehen und eimerweise Heringe hochkurbeln. Ein Spektakel, das jeden Frühling, aber nur während etwa zwei Wochen stattfindet. Dann, wenn die Heringe zum Laichen in die so genannten Bodden kommen. Ich füllte natürlich die Eimer der Kumpel rechts und links von mir. Die Meerforelle im Norden der Insel kam dann wie oben drauf. «Spöket» heissen diese Küstenwobbler, die speziell auf Meerforellen abgerichtet sind. Zusammen mit einem Arbeitskollegen, der ebenfalls angelt, aber nicht nur deshalb auf Rügen mitgefahren ist, stehe ich stundenlang im eiskalten Wasser der Ostsee. Die sexy Wathosen aus Neoproen bis unter die Achseln halten zwar dicht, aber nicht sonderlich warm. Immer und immer wieder werfen wir diese Spökets aus. Viertel zwei, drei und vier der oben erfundenen Viertel-Regel sind schuld, dass dieser grüne «Spöket» hier zu einem Auftritt kommt: Ausdauer, Hoffnung und Glück. Meine allererste Meerforelle liegt im Feumer, dem schwimmenden Netz, das ich hinter mir nachziehe. Und ein Urschrei des Triumphs dringt aus mir heraus. Der «Spöket» bestätigt eine weitere Grundregel des Angelns: «Wer fängt, hat recht!»

Text: Steff
Fotos: Silvan & Steff

 

☀️🌅🏝

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Endlich!  Nach dieser endlos scheinenden Regenperiode strahlt die Sonne. Es ist heiss, die Zikaden singen, die Pinien verströmen ihren bezaubernden Duft und die Sonnenuntergänge runden die Tage perfekt ab. Angekommen im Paradies.

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If you don’t go, you don’t have a story!

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Eigentlich sind Andy und seine Jagdfalken daran schuld, dass wir unseren geliebten Anhänger beinahe verloren haben. Wie so oft beginnen solche Geschichten mit einer fast beiläufigen Begegnung. So frage ich in Murphy’s Pub das Girl hinter der Theke in unschuldigem Ton, ob man denn im Fluss auch angeln dürfe. Sie kassiert die fünfzehn Euro für unseren Traumstellplatz unterhalb des Wasserfalls, zuckt mit den Schultern und verweist mich an Andy. Er sitzt neben mir und ist schon am zweiten Guiness. Andy trägt so ne Art Jägerkluft aus olivgrüner gewobener Wolle. Um den Hals eine kleine Pfeife – für seine Greifvögel, erfahre ich später.

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Eigentlich bräuchte es auch unterhalb des Wasserfalls ein Patent zum Angeln, meint Andy, aber derjenige, der die Kontrollen durchführe, sei für längere Zeit ausgefallen. Er hebt vielsagend seine Hände und lächelt verschmitzt. Und sowieso würden in Irland viel mehr Lachse illegal gefangen als legal. Wie bitte? Es gibt Lachse in diesem Flüsschen? «Oh, ja, grosse. Versucht es, wenn die Flut reinkommt, dann schwimmen sie vom Meer her rein und springen den Wasserfall hoch.» Aber von mir habt ihr diesen Tipp nicht, verstanden?!

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Tatsächlich hat dann Silvan am nächsten Morgen einen am Haken, verliert ihn aber leider wieder, als dieser aus dem Wasser springt und den Blinker abschüttelt. Andy ist unser Mann, denn gute Infos sind der halbe Fang. Ich kriege feuchte Hände und Pulsrasen vor Aufregung. Nadine, Milena, was trinkt ihr? Andy, noch ein Guiness? Er habe früher ein Fischereigeschäft geführt, hier im Ort, gleich da drüben bei der Brücke. Aber das Business sei schlecht gelaufen, und er musste den Laden dicht machen. Von der Fischerei läuft das Gespräch bald zu Andys heutiger Leidenschaft: den Greifvögeln. Neben seinem Job als Chefkoch brütet er Zuhause Eulen, Adler und Falken aus, zieht sie gross und verkauft sie später als ausgebildete Jagdvögel. «Ist das euer Wohnzimmer, Andy?», frage ich lachend, als er auf seinem Smartphone die Bilder durchscrollt. Seine Frau teilt das Sofa mit zwei Spürhunden, einem jungen Uhu und einem Falkenbaby.

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Falls wir übermorgen noch hier wären, könnten wir einem Training beiwohnen. Die Kinder könnten dann die Vögel selber auf den Arm nehmen und fliegen lassen. Klar sind wir übermorgen noch hier! «Wollt ihr einen sehen? Jetzt gleich?» Andys Ton wird fast verschwörerisch. Seine top Falken seien zahm wie Schosshunde und würden einfach so im Auto mitfahren. Andy lässt sein halbvolles Guiness stehen, geht über die Strasse und beugt sich ins Innere seines Wagens. Als er sich wieder umdreht, sitzt auf dem dicken Lederhandschuh ein brauner Greifvogel. Sieht aus wie unser Schwarzmilan, ein bisschen kleiner vielleicht. Es ist ein nordamerikanischer Falke, in der Szene bekannt und geschätzt als zuverlässiger Jagdvogel.

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Der zweite Handschuh ist für uns. Zuerst für mich. Der Vogel flattert und krächzt. Beim Versuch wegzufliegen fällt er von Andy’s Arm und baumelt hilflos an den Lederbändeln, die um seine Füsse gebunden sind. Andy beruhigt ihn und schmust mit dem Tier, wie ich früher mit meinen Meerschweinchen. «Good boy, yes. Come on!» Dann sitzt er auf meiner Hand. Andy fädelt mir die Fussschnur des Vogels zwischen die Finger im steifen Lederhandschuh. «Früher war die Falknerei Teil des Alltagslebens», erzählt er, «und deshalb ist unsere Sprache auch heute noch voll von Ausdrücken, die eigentlich aus der Falknerei stammen.» Er wickelt das Ende des Bändels um meinen kleinen Finger. «Schau, was ich hier mache…», Andy blickt mich vielsagend an, «die Redewendung ‚Jemanden um den Finger wickeln‘ zum Beispiel bedeutet, volle Kontrolle über die Person zu haben. So wie du jetzt über diesen Vogel.» Andy lacht. Ich auch ein bisschen.

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Als Milena an der Reihe ist, geht noch alles gut. Der Lederhandschuh wirkt riesig an ihrer Hand, als Andy den Vogel um ihren Finger wickelt. Vorsichtig streicheln wir dem Falken übers glatte Gefieder. Er dreht den Kopf, schaut uns aus stechenden Augen an und krächzt misstrauisch. Von so nah leuchtet der spitze Schnabel gefährlich gelb.

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Wie scharf die langen Krallen sind, kriegt dann Nadine zu spüren. Als sie den Vogel auf der Hand hält springt dieser plötzlich von der belederten auf ihre unbelederte Hand. Die Krallen bohren sich von vorne und hinten tief in Nadines Daumenballen, wie wenn der Falke ein flüchtendes Kaninchen packen würde. Sogar Andy erschrickt. Nur mit Mühe kriegt er die Krallen seines Schützlings aus Nadines Fleisch. Es blutet und tut tierisch weh. Aber die tapfere Frau lässt sich nichts anmerken (My woman!). «Are you ok?», fragt Andy besorgt und schimpft dann mit dem Falken – aber sein Ton ist etwas zu zärtlich, finde ich.

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Ah, ja, die Anhänger-Story. Das passiert dann eben übermorgen, als wir Andy beim Vogeltraining besuchen wollen. Wir biegen eine zu früh rechts ab und landen statt beim Golfplatz bei einem Luxushotel mit Meersicht. Teure Autos rechts und links dem schmalen Strässchen entlang parkiert. Und viel zu eng, um mit Camper und Anhänger zu wenden. Also Anhänger abhängen – das Manöver ist mittlerweile eingespielt.

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Nachträglich sind wir sicher, dass ich die Kupplung beim wieder Anhängen nicht richtig eingerastet habe. Es bräuchte etwas Fett, damit es wieder von selber geht. Normalerweise mache ich immer den Check und trete mit dem Fuss nochmals kräftig drauf. Meine Gedanken sind wohl noch bei Andys Vogelkrallen. Ist es nicht zu riskant, unsere Kinder diesen scharfen Biestern auszusetzen?
«Was war das?», frage ich Nadine, als wir vorsichtig zwischen den BMWs und Mercedes hindurch zurückfahren. Nur ein kurzes «Klack» hat man gehört. Es hat sich angefühlt, wie wenn man über einen Dohlendeckel fährt, mehr nicht. Beim Blick in den Monitor der Rückfahrkamera brauche ich zwei Sekunden, um die schreckliche Situation zu erfassen. Nadine als Volleyballerin ist schneller: «Der Anhänger ist weg!» Scheisse. In meinem Kopfkino rollt er immer schneller und schneller die schmale Strasse runter und schrammt dabei die teuren Karossen der Hotelgäste. Das volle Debakel.

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Aber genau für diese Situationen ist die rot ummantelte dünne Stahlleine, die man am Fahrzeug anhängt. Sie reisst nämlich bei Zug sofort die Bremse hoch und bringt den verwaisten Anhänger zum Stillstand. Zum Glück ist das nicht auf einer stark befahrenen Strasse passiert. Der Garagist im Dorf, wo wir herkommen, stinkt nach Alkohol und Schweiss. «It seems to be ok», meint er und gibt uns die Adresse eines Anhängerprofis in der nächsten Stadt. Wir finden dessen Werkstatt kurz vor Feierabend und sind beruhigt, als er Kupplung und Reissleine gründlich checkt. «Braucht etwas fett», stellt er fest, und zeigt dann schmunzelnd auf die rostige Kette des Velos, das auf der Deichsel des Anhängers befestigt ist, «hier übrigens auch. Long journey, ey?!»

Text: Steff
Fotos: Nadine und Steff

Forellenzauber

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Auf den ersten Blick sieht dieses Flüsschen nach nichts aus. Auf den zweiten eigentlich auch. Papa und ich haben gut zwei Stunden Zeit, um einen dritten Blick zu werfen. Das ist der, den man nur dann erhält, wenn man mit Wathosen ins Wasser steigt und jeden noch so unscheinbaren Winkel konzentriert abfischt. «Fisch!» ruft Papa schon beim zweiten Wurf. Ich ziehe sogleich nach – und lege noch einen, nein, gleich zwei drauf. 4 : 1 für mich.

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Auf zwei Sachen muss man hier aufpassen. Erstens: Wohin man tritt. Das Wasser ist wie überall in Irland vom Torfboden getrübt. Und so sieht man die tiefen Löcher im Fluss nicht. Wir tasten uns über die glitschigen Felsen auf dem Grund, immer in der Hoffnung, beim nächsten Schritt wieder festen Boden zu spüren. Zweitens: Wohin man wirft. Überall Büsche, Gras, Bäume und algenbewachsene Felsen. Dass unsere Metallblinker (für die Fischer unter uns: Meps, Nummer 2) genau dort landen, wo wir wollen, verdanken wir nur unserer 10‘000fachen Übung.

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11 zu 7 für mich. Aber Papa ist am Aufholen. Er fängt hintereinander zwei schöne Fische, während ich meinen Blinker aus dem Laub eines Ahorns befreien muss. Aber das vielversprechende Loch links hinter dieser kleinen Felsschwelle hat er noch nicht abgeworfen. Das schnapp ich mir. «Fisch!», rufe ich triumphierend. «Wow», meint Papa bewundernd, «du zauberst aber auch aus jedem Scheissloch noch eine Forelle raus!» Die meisten Forellen hier sind recht klein. Diarmuid, unser Guide vom Fliegenfischen hat uns erklärt, wieso. Der Torfboden ist entgegen unserer Annahme sehr arm an Nährstoffen. Deshalb gibt ist im trüben, aber sehr sauberen Wasser wenig Algen. Und damit auch wenig Nahrung in der ganzen Kette. Darum wachsen die Forellen sehr langsam.

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«Biss!» rufe ich kurz darauf noch einmal. Ich spüre heftige Schläge und einen starken Zug in der Rute. «Das ist eine Grosse!» Ich will den Fisch auf keinen Fall verlieren. Aber ich kann ihn nicht einfach so einkurbeln, denn ich angle mit einer sehr feinen Rute. Da braucht es bei schweren Fischen viel Gefühl beim Drill. Endlich ist sie müde. Doch als ich die schöne Forelle zu Gesicht bekomme und nach ihr greifen will, schüttelt sie sich noch einmal heftig, schlägt mir den Haken in den Finger und verschwindet im torfbraunen Wasser. Immer noch 13 zu 11 – für mich. Es frustriert mich, weil ich doch endlich ein Foto mit einer schönen Forelle haben will. Bis jetzt haben wir nur das Fischen genossen. Das Fotografieren stört meistens, weil es einen aus dem «Flow» herausreisst.

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Ich wate ein Stück den Fluss hinauf und mache meinen nächsten Wurf. Schon habe ich den nächsten Fisch am Haken. Diesmal gelingt die Landung. Sie ist nicht so gross wie die letzte. Doch es ist ein guter «Frustvertreiber». 14 zu 11.

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Irgendwann ist der wundervolle Spuk vorbei und wir kriegen keinen Biss mehr hin. Entweder ist die Beissphase vorbei oder wir sind nicht mehr gleich konzentriert wie zuvor. Oder beides. Plötzlich rutsche ich auf einer schlammüberzogenen Felsplatte aus und knalle voll aufs Knie. Tut höllisch weh. Und Papa versucht seinen Blinker aus den Bäumen zu befreien. Eindeutig: Die Konzentration ist weg.
Müde und glücklich gehen wir zurück zum Campingplatz. 14 : 12 für mich. Die vier Forellen, die wir entnommen haben, schmecken köstlich. Sagen jene von uns, die Fisch essen.

Text: Silvan
Fotos: Silvan und Steff
PS: Geschrieben speziell für Peter, der sich soooo nach einer neuen Fischergeschichte sehnt. 😉