Alle Beiträge von Steff

Home Again!

Man sagt, die Landung sei das Schwierigste am ganzen Flug. Da freut man sich tagelang auf das Heimkommen. Zuerst ist man wie in einem Rausch: Nach 96 Nächten, 8800 gefahrenen Kilometern, 350 gesegelten Seemeilen und allen damit verbundenen Erlebnissen und Eindrücken wieder heil und glücklich im Quartier – wir fassen’s kaum.
Doch dann – schneller als mir lieb ist – beschleicht einem von hinten das Gefühl, welches man unterwegs ganz selten und leise verspürt hat. Das Gefühl, dass man das hektische Leben des Familien- und Arbeitsalltags nur keuchend bewältigen kann. Die Tage sind plötzlich wieder zu kurz, um alle Pendenzen abzuarbeiten. Das Gedächtnis wieder zu klein, um die Termine von allen fünf LX im Kopf zu behalten. Im Badezimmer tropft ein Wasserhahn, im Kühlschrank ist die Lampe kaputt und der Rasen hinter dem Haus wächst viel zu schnell. Das Haus ist zu gross, um überall Ordnung zu halten, und voll von Dingen, die man eigentlich gar nicht braucht, um zufrieden zu sein. Und zuständig für alles sind WIR. Können nicht einfach in den Camper sitzen und weiterfahren.
Sicher, unterwegs war auch nicht alles einfach. Ständig kochen und abwaschen, die Familienstimmung regulieren, nächste Ziele planen. Das ist auch Alltag. Aber Reisealltag. Der ist eindimensionaler und weniger komplex. Und das Schönste für mich: den ganzen Tag verbringt man zusammen. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang (sofern die Sonne da war). Kaum zu Hause, haben wieder alle ihre individuellen Lebensspuren. Treffen Freunde, gehen weg und kommen irgendwann wieder zurück. Man findet kaum noch einen Abend, an dem alle da sind, um nochmals alle LX-on-Tour-Videos zu schauen.

Aber was erzähle ich euch da! Ihr alle kennt das ja zur Genüge. Nun gehören auch wir wieder zum Club. Und sagen euch DANKE fürs Bloglesen und Kommentieren, DANKE für die Unterstützung und das Mittragen unserer Tour. Schön, dass wir euch bald wieder treffen können.

Text und Video: Steff
Soundtrack zum Video: Steff la Cheffe (Ha ke Ahnig); Patent Ochsner (Ausklar); Schweizerpsalm

Ich bin auch ein Backofen!

Für Iris, meine liebe Grill-Nachbarin

Nach 800 km Fahrt in der Abenddämmerung an der Autobahntankstelle noch schnell zwei Fertig-Pizzas kaufen. Als wir ihn aus seiner Kiste nehmen und auf dem Übernachtungsplatz neben dem Camper aufstellen, ist es bereits stockdunkel. Gas anschliessen, Funken geben und schon ertönt das geliebte «Puuuch!» der blauen Flammen. Wir stehen müde um seine wärmende Schale herum, wie die Obdachlosen um das Feuer im Ölfass. Und warten bis die Pizzas knusprig sind. Trinken Bier und Orangina. In der Ferne hört man den Atlantik rauschen.

Gekauft habe ich ihn heimlich. Ohne Absprache und ohne Budget. Die Verkäuferin im Coop Baucenter hat mir einen bereits zusammengebauten erklärt hat. Sie riecht nach altem Schweiss und ich stehe mit dem Rollmeter aufgeregt daneben. Messe zuerst ihn, und dann die graue Utz-Box. Doch, sollte klappen, wenn man für den Gasregler ein Loch in die Plastikbox sägt.

Das Heimkommen mit dem riesigen Karton ist dann etwa so, wie wenn man im Tierheim aus einer Laune heraus den herzigen Hund holt, den sich die Kinder schon so lange gewünscht haben, und ihn eines Abends als Überraschung heimbringt. Die Kids frohlocken, und beim Schatz zieht sich die Stirn in kaum wahrnehmbare Falten. Ihr Blick sagt: «Musste das wirklich sein?!», und ihr Mund: «Unser Camper wird immer schwerer…»

Heute würde sie ihn nie mehr hergeben. Um keinen Preis. Sagt sie selber. Denn in den drei Monaten hat er sich zum Herzstück unserer Reiseküche entwickelt. Angefangen haben wir ganz traditionell: Entrecôtes, Würstchen, vielleicht noch Broccholi oder Kartoffeln. Dann natürlich Fisch, wenn wir welchen gefangen haben. Das kommt öfters vor, als es den einen lieb ist. Fisch ganz, Fisch als Filet. In Klammern der Tipp für Fischfilets: Haut dran lassen, damit das Fleisch nicht auseinanderfällt. Zuerst Fleischseite anbraten, dann die Hautseite knusprig durchbacken. Geht wunderbar auf der eingesetzten Gusseisenplatte. Die habe ich nachträglich im Fachhandel gekauft, zwei Tage vor Abfahrt. Man setzt sie optional anstelle der einen Rosthälfte ein. Ums mit den knappen Worten eines guten Freundes zu sagen: «Hat sich bewährt!»

Sehr bald schon haben wir sein echtes Potenzial entdeckt, die Grenzen der klassischen Grill-Konventionen gedehnt und schliesslich gesprengt. Pizza backen. Oder Focaccias aus selbst gemachtem Hefeteig. Mit bretonischem «Fleur de Sel» und Provence Kräutern bestreut. Oder: Silvan brät vier Pack dicke Scheiben irischen Frühstücksspeck, während Milena in der Bratpfanne aus einem Dutzend Eier Rührei bruzzelt. Wird nach einem Strandmorgen als spätes Frühstück im Hui verputzt. Und die Mannschaft rülpst glücklich-satt. Nicht so toll funktionieren die Cordon-Bleus aus der Gefrierpackung. Die brösmeln irgendwie auseinander und werden trocken. Dafür ist Broccholi der echte Blockbuster geworden. In seine Blümchen geschnitten, mit Olivenöl und Salz beglückt. Direkt und roh auf den Rost, kleinste Flamme. Reissen mir die Mädels jeweils aus den Händen.

Noch kurz zum Technischen; der Vollständigkeit halber. Aufpassen muss man, wenn das Gas bei geschlossenem Deckel zündet, die junge Flamme aber von einem scharfen Windstoss wieder ausgelöscht wird. Merkt man das erst nach ein paar Minuten und drückt dann nochmals auf den Piezzo-Knopf, dann gilt die wichtigste 1.-August-Raketen-Regel: Der Kopf ist das allerhinterste Körperteil. Es ist dann nämlich kein zartes «Puuuch!» mehr, sondern ein trockenes «Bumm!», das den Deckel klappernd in die Höhe knallen lässt. Passiert dir nur einmal.

Was mich total überrascht: Die siebeneinhalb-Kilo Gasflasche von Zuhause hat drei Monate lang hingehalten. Und wir haben extrem oft gegrillt. Jetzt ist sie praktisch leer. Deshalb ist es Zeit, nach Hause zu fahren. Ich freue mich drauf, bald wieder mit Iris zu grillen.

Text und Video: Steff
Videosoundtrack: Coop Grill Soundtrack
https://www.youtube.com/watch?v=ue2dFArVfho

Ferienfilm

Rund 300 bis 500 Millionen Kubikmeter Wasser pumpt der Atlantik jeden Tag zweimal ins «Bassin d’Arcachon» hinein – und zweimal saugt er dieselbe Wassermenge wieder heraus. Das ist etwa ein Zehntel des ganzen Zürichsees – viermal jeden Tag. Bei mittlerem Hochwasser ist das Bassin rund 155 Quadratkilometer gross – doppelt so gross wie der Zürichsee. Bei Niedrigwasser ist nur etwa ein Viertel (40 Quadratkilometer) der Fläche mit Wasser bedeckt. Während des Niedrigwassers bewirtschaften 315 professionelle Austernzüchter ihre Austernbänke im Bassin.

An der Nordseite trennt die Halbinsel «Cap Ferret» das Bassin vom offenen Atlantik. Die Spitze dieses langen Sandfingers verschiebt sich jedes Jahr um bis zu 80 Meter, je nach Strömungs- und Windverhältnissen. An der Südseite des Bassins liegt die «Dune du Pyla», Europas grösste Wanderdüne. Mit ihren 110 Metern Höhe, 500 Metern Breite und knapp 3 Kilometern Länge fasst sie insgesamt 60 Millionen Kubikmeter Sand. Würde man diesen Sand in Güterwagons verladen, so ergäbe dies einen Zug von 12’000 Kilometern Länge. Das ist ungefähr die Luftliniendistanz zwischen  Tromsø und Kapstadt. Krass!

85 der insgesamt 220 Kilometer Radwege muss man befahren, wenn man auf dem Landweg vom «Cap Ferret» rund ums Becken herum an die «Dune du Pyla» will. Auf dem Wasserweg sind die beiden Landpunkte nur 2.2 Kilometer voneinander entfernt. In der Mitte dieser Meerenge liegt die grosse Sandbank «Banc d’Arguin», ein Vogelschutzgebiet von nationaler Bedeutung. Die beiden Wasserstrassen nördlich und südlich dieser Sandbank nennt man «les Passes». Wegen der unberechenbaren Strömungsverhältnisse werden sie von den Schiffsführern gefürchtet.

Auch die 76 Kilometer Sandstrand im und ums Bassin herum sind nicht ungefährlich. Jedes Jahr ertrinken hier durchschnittlich 11 Menschen. Dies obwohl die 10 Gemeinden viel für die Sicherheit der Badegäste tun: 56 Rettungsposten mit insgesamt 363 ausgebildeten Rettungsschwimmern sowie 2 Rettungshelikopter in permanenter Einsatzbereitschaft.

Text und Video: Steff
Soundtrack im Video: Heinz de Specht (Feriefilm); Georges Moustaki (Bahia)

 

La Dune du Pyla am Bassin d’Arcachon

 

Das Bassin d’Arcachon südlich von Bordeaux

 

The Swentston Family

FÜR ALEX UND PETER

Die Zikaden kreischen. Über der grössten Sanddüne Europas flirrt die Mittagsluft. Silvan und ich schwitzen im heissen Schatten der Pinien und sortieren wieder mal unsere Köderboxen. Von Hecht, Forelle und Pollack in Irland auf den atlantischen Wolfsbarsch hier im Bassin d’Arcachon. «Sagt mal, Jungs», meint Nadine belustigt, «wenn man euch so zuhört, kriegt man den Eindruck, als würdet ihr alle eure Wobbler persönlich kennen…» Silvan blickt hoch, mit unfassbarem Erstaunen, dass man so eine Frage überhaupt stellen kann. «Natürlich, Mami, jeder Wobbler in unserer Box hat seine ganz eigene Geschichte!»

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Mit diesem zum Beispiel habe ich vor drei Jahren hier an der Düne meinen allerersten Wolfsbarsch überlistet. Das war ein absolutes «Blind Date», eine Art erweiterter Strandspaziergang mit der Angelrute am Morgen des zweiten Ferientags. Aus dem Augenwinkel eine Bewegung an der Wasseroberfläche wahrgenommen, hingeworfen – zack, Biss. «Just the beginning of a wonderful story», könnte man sagen. Gekauft habe ich diesen Japaner der Marke «Yozuri» in Süditalien bei einem alten Händler, der sein Geschäft nur noch von 11-14 und von 19-21 Uhr geöffnet hat und in seiner übrigen Zeit wundervolle Modellsegelschiffe baut.

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Voller Fischer-, Vater- und Ehemannstolz trage ich den Fisch die Düne hoch und zeige ihn Silvan, der verschlafen aus dem Wohnmobil guckt. Fast noch im Pischi packt dieser sein Angelzeugs und stürmt die Düne runter. Mit diesem «No Name» Wobbler zieht er eine halbe Stunde später seinen eigenen «Wolfi» an den Strand. Das brennt sich ein im kindlichen Nervensystem. Und drum fischt er diesen Wobbli immer und immer wieder. Und fängt damit auch.

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Billigst gekauft im Décathlon, dem französischen Sportsupermarkt. Wir nennen ihn «den Surfer», weil er aus dem Wasser guckt, wie ein Wellenreiter, der auf dem Brett sitzt und auf seine Welle wartet. «Der Surfer» fliegt ultra weit und lässt sich im Zickzack über die Wasseroberfläche führen. Szenenwechsel auf die andere Seite der Erdkugel – nach New Zealand. Nie mehr vergessen wir den Abend in der Taupo Bay auf der neuseeländischen Nordinsel, wo unser Surfer immer wieder von riesigen Kahawais, dem neuseeländischen Lachsbarsch, attackiert wird. Manchmal träume ich von ihren grossen Mäulern, die wie aus dem Nichts auftauchen. Und seither darf «der Surfer» überall hin mitkommen, auch wenn er selten gefischt wird.

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Zurück in die jüngste Gegenwart. Bei uns heisst er «der Böse», so wie die Schwinger der Profiliga. Ich habe ihn mir neulich in der Bretagne von Verkäufer aufschwatzen lassen. Klar, im Laden und aus Sicht der Verkäufer ist jeder Köder ein top Köder – Hauptsache, du kaufst ihn. Sind ja nicht ganz billig, die Besten der Guten. Aus Gründen unseres Persönlichkeitsschutzes (wörtlich zu verstehen) gehen wir hier aber nicht weiter in die buchhalterischen Details. Man lebt und fischt ja schliesslich nur einmal. Ich weiss nicht, ob er die Wolfsbarsche unter Wasser auch so böse anschaut wie uns. Auf jeden Fall ist er obergeil zum Fischen, weil man ihn an der Oberfläche und auch darunter führen kann. Er imitiert die wilden Fluchten eines verzweifelten Beutefischchens und reizt dadurch die Wolfis bis aufs Blut – und zum Biss. Hat schon mehrfach geklappt seit vorgestern.

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Fast banal im Vergleich ist seine Herkunft: Aus einem Laden in Wädenswil. Dort sehe ich den Besitzer immer nur grummelig hinter seinem Computer sitzen. Die Verkaufsarbeit übernehmen zwei Frauen, die jüngere fischt sogar selber und versteht was vom Business. Sie hat uns «Molix» empfohlen. Und ich muss sagen: Ich gäbe ihn nicht mehr her. Die Bissspuren an seinem Body zeugen vom konstanten Erfolg. Klein, aber schwer. Und dadurch fast universell im Einsatz. Auch bei viel Wind und kräftiger Gezeitenströmung.

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Bis gestern hatte «Molix» einen grösseren Bruder, ganz in weiss mit feinen Rostspuren an der Unterseite. Aber nachdem wir ihn in einer gefährlichen Rettungsaktion bei starker Strömung schwimmend aus den Gittern der Austernbänke befreit haben, reisst beim übernächsten Wurf die Schnur – und weg ist er. Das hier ist der kleine Bruder der der Familie «Molix». Kaum grösser als ein Streichholz, aber ein absoluter Kracher auf Zürisee Eglis und – wie wir seit ein paar Wochen gesichert sagen können – auch auf die andalusischen Black Bass.

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Wir nennen ihn «den Sandaal», weil er ausschaut wie dieser beliebte Beutefisch des Wolfsbarsch. Mein absoluter Hit-Wobbler, nicht nur vom Strand aus, wo er wegen eines ausgeklügelten Systems an rasselnden Gewichtskugeln im Bauch extrem weit fliegt. Vor drei Jahren haben wir unseren Lern- und Erfahrungsschatz bezüglich Wolfsbarschangeln sprunghaft erweitert. Schuld daran ist Mickael, ein lokaler Angelguide auf dem Bassin d’Arcachon. Von seinem tanzenden Schlauchboot aus haben wir unsere Wobbler in riesige brechende Wellen geschmissen. Dorthin, wo die Wolfis als Muskeltorpedos jagen. Und mein «Sandaal» hat dann noch Fisch gebracht, als Mickaels Oberflächenwobblis schon lange alle Haken von sich gestreckt haben.

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Trotzdem habe ich Mickael, unserem Guide, diesen top Köder für wenig Geld abgekauft. Als Erinnerung an meinen bisher grössten «Bar», wie der atlantische Wolfsbarsch hier genannt wird. Eine Begegnung, die sich einprägt wie die erste Liebesnacht. Der «Weisse von Mickael» nennen wir ihn etwas unromantisch.

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Keine Ahnung, wie viele Leser wir bis jetzt schon verloren haben unterwegs. Wer will’s verdenken, ist wirklich nicht jedermanns Sache, diese Wobbler Storys. Wären wir ganz unter uns: Wir könnten noch stundenlang so weiter machen – ich weiss, ich weiss: Ihr eher weniger…
Die meisten Angler-Geschichten sind ja Erfolgsgeschichten. Nicht deshalb, weil Angeln immer von Erfolg gekrönt ist, sondern weil Angler nur selten über ihre Misserfolge sprechen. Dieser Wobbler ist so eine. Ich habe ihn auf einem amerikanischen Youtube Video kennengelernt. Zwei stattliche Burschen in den glory Vierzigern haben dort einen Fisch um den anderen gedrillt. Gross und kampfstark (die Fische, nicht die Burschen), wie sie kaum in meinen feuchtesten Träumen vorkommen. Hab ihn mir dann über den amerikanischen ebay-Shop «I love Hard Bait» (Hard Bait heisst grob gesagt: Wobbler) gleich in verschiedenen Grössen schicken lassen. Die rostigen Haken beweisen es: Ich fische ihn immer wieder; unermüdlich hoffend. Hatte aber – ich bin ganz offen und ehrlich – noch keinen einzigen Biss drauf. Nicht einmal dann, wenn die Fische in solcher Beisslaune sind, dass sie auch nackte Haken schnappen würden. Einen Namen gebe ich ihm erst, wenn er mir Fisch bringt. Trotzdem: Ich bleibe ihm treu.

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Silvans absoluter Liebling. Mit ihm zaubert er fast unter jedem Schiff einen Egli und unter jeder Austernbank einen Wolfi hervor. Der «Pointer» stammt vom selben amerikanischen Shop. Ab drei Stück werden sie portofrei verschifft. Das gibt uns die Legitimation gegenüber Nicht-Fischerinnen, immer grad vier zu bestellen. Der Händler kennt alle Tricks: Egal, was drin ist schreibt er immer «40 Dollar» auf den grünen Zettel, dann bleibt das dicke Couvert zollfrei. Vielleicht liegt es an seiner roten Kiemenspalte, vielleicht an den wilden Fluchten, die er imitiert. So klein er ist: «Pointer» fängt immer überdurchschnittlich. Bei diesem ist von den vielen Fischen bereits ein Haken abgebrochen. Und mit Tränen in den Augen schreiben wir: Das ist das letzte Bild, das wir von ihm haben. Gestern hat er sich in den Brandungswellen still und heimlich von uns verabschiedet – Rest in Peace!

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Kennst du die Viertel-Regel? Habe ich extra für diesen Wobbler erfunden. Sie geht so: 25 Prozent des Erfolgs beim Angeln sind Geschick und Können, weitere 25 Prozent sind Ausdauer. So wie ein begnadeter Kumpel von uns. Der wirft acht Stunden lang auf Hecht und hat keinen einzigen Biss. Und in den letzten zehn Minuten des Tageslichts fängt er noch einen schönen Fisch. Der dritte Viertel ist die Hoffnung, dass es doch noch irgendwann klappt. Sie wird genährt von der Erinnerung, dass es schon mal geklappt hat. Und der letzte Viertel: Das Glück, zur richtigen Zeit mit dem richtigen Köder am richtigen Ort zu sein.
Dieser Wobbler steht für Viertel zwei und drei: Ausdauer und Hoffnung. Mit ihm – und nur mit ihm habe ich einen ganzen Tag lang auf Seeforelle geworfen, zusammen mit einem Kumpel von dessen Boot aus. Immer am Fähranleger in Horgen. Nix. Keinen Biss. Wieso dieser Wobbler immer noch mit darf, kann ich nicht sagen. Einen Namen hat er auch noch keinen. Aber seine Geschichte steht hier stellvertretend für alle anderen zwanzig, fünfzig oder hundert Wobbler, die wir irgendwann gekauft haben aber mit denen wir beim Angeln noch nie glücklich geworden sind. Und deshalb sind sie in die unteren Etagen unserer Köderboxen gewandert. Ich bitte alle nicht-fischenden und budgetüberwachenden Ehefrauen um Nachsicht, aber es geht leider nicht anders.

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Aber so traurig wollen wir die Geschichte der Swentston Family nicht abschliessen, oder? Deshalb noch kurz zu einer Studienreise unseres Betriebs, an der ich nur deshalb teilgenommen habe, weil sie im Frühling und auf Rügen stattgefunden hat. Schon lange mal wollte ich mit hunderten von unbekannten Kumpels auf der Rügener Brücke stehen und eimerweise Heringe hochkurbeln. Ein Spektakel, das jeden Frühling, aber nur während etwa zwei Wochen stattfindet. Dann, wenn die Heringe zum Laichen in die so genannten Bodden kommen. Ich füllte natürlich die Eimer der Kumpel rechts und links von mir. Die Meerforelle im Norden der Insel kam dann wie oben drauf. «Spöket» heissen diese Küstenwobbler, die speziell auf Meerforellen abgerichtet sind. Zusammen mit einem Arbeitskollegen, der ebenfalls angelt, aber nicht nur deshalb auf Rügen mitgefahren ist, stehe ich stundenlang im eiskalten Wasser der Ostsee. Die sexy Wathosen aus Neoproen bis unter die Achseln halten zwar dicht, aber nicht sonderlich warm. Immer und immer wieder werfen wir diese Spökets aus. Viertel zwei, drei und vier der oben erfundenen Viertel-Regel sind schuld, dass dieser grüne «Spöket» hier zu einem Auftritt kommt: Ausdauer, Hoffnung und Glück. Meine allererste Meerforelle liegt im Feumer, dem schwimmenden Netz, das ich hinter mir nachziehe. Und ein Urschrei des Triumphs dringt aus mir heraus. Der «Spöket» bestätigt eine weitere Grundregel des Angelns: «Wer fängt, hat recht!»

Text: Steff
Fotos: Silvan & Steff

 

If you don’t go, you don’t have a story!

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Eigentlich sind Andy und seine Jagdfalken daran schuld, dass wir unseren geliebten Anhänger beinahe verloren haben. Wie so oft beginnen solche Geschichten mit einer fast beiläufigen Begegnung. So frage ich in Murphy’s Pub das Girl hinter der Theke in unschuldigem Ton, ob man denn im Fluss auch angeln dürfe. Sie kassiert die fünfzehn Euro für unseren Traumstellplatz unterhalb des Wasserfalls, zuckt mit den Schultern und verweist mich an Andy. Er sitzt neben mir und ist schon am zweiten Guiness. Andy trägt so ne Art Jägerkluft aus olivgrüner gewobener Wolle. Um den Hals eine kleine Pfeife – für seine Greifvögel, erfahre ich später.

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Eigentlich bräuchte es auch unterhalb des Wasserfalls ein Patent zum Angeln, meint Andy, aber derjenige, der die Kontrollen durchführe, sei für längere Zeit ausgefallen. Er hebt vielsagend seine Hände und lächelt verschmitzt. Und sowieso würden in Irland viel mehr Lachse illegal gefangen als legal. Wie bitte? Es gibt Lachse in diesem Flüsschen? «Oh, ja, grosse. Versucht es, wenn die Flut reinkommt, dann schwimmen sie vom Meer her rein und springen den Wasserfall hoch.» Aber von mir habt ihr diesen Tipp nicht, verstanden?!

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Tatsächlich hat dann Silvan am nächsten Morgen einen am Haken, verliert ihn aber leider wieder, als dieser aus dem Wasser springt und den Blinker abschüttelt. Andy ist unser Mann, denn gute Infos sind der halbe Fang. Ich kriege feuchte Hände und Pulsrasen vor Aufregung. Nadine, Milena, was trinkt ihr? Andy, noch ein Guiness? Er habe früher ein Fischereigeschäft geführt, hier im Ort, gleich da drüben bei der Brücke. Aber das Business sei schlecht gelaufen, und er musste den Laden dicht machen. Von der Fischerei läuft das Gespräch bald zu Andys heutiger Leidenschaft: den Greifvögeln. Neben seinem Job als Chefkoch brütet er Zuhause Eulen, Adler und Falken aus, zieht sie gross und verkauft sie später als ausgebildete Jagdvögel. «Ist das euer Wohnzimmer, Andy?», frage ich lachend, als er auf seinem Smartphone die Bilder durchscrollt. Seine Frau teilt das Sofa mit zwei Spürhunden, einem jungen Uhu und einem Falkenbaby.

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Falls wir übermorgen noch hier wären, könnten wir einem Training beiwohnen. Die Kinder könnten dann die Vögel selber auf den Arm nehmen und fliegen lassen. Klar sind wir übermorgen noch hier! «Wollt ihr einen sehen? Jetzt gleich?» Andys Ton wird fast verschwörerisch. Seine top Falken seien zahm wie Schosshunde und würden einfach so im Auto mitfahren. Andy lässt sein halbvolles Guiness stehen, geht über die Strasse und beugt sich ins Innere seines Wagens. Als er sich wieder umdreht, sitzt auf dem dicken Lederhandschuh ein brauner Greifvogel. Sieht aus wie unser Schwarzmilan, ein bisschen kleiner vielleicht. Es ist ein nordamerikanischer Falke, in der Szene bekannt und geschätzt als zuverlässiger Jagdvogel.

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Der zweite Handschuh ist für uns. Zuerst für mich. Der Vogel flattert und krächzt. Beim Versuch wegzufliegen fällt er von Andy’s Arm und baumelt hilflos an den Lederbändeln, die um seine Füsse gebunden sind. Andy beruhigt ihn und schmust mit dem Tier, wie ich früher mit meinen Meerschweinchen. «Good boy, yes. Come on!» Dann sitzt er auf meiner Hand. Andy fädelt mir die Fussschnur des Vogels zwischen die Finger im steifen Lederhandschuh. «Früher war die Falknerei Teil des Alltagslebens», erzählt er, «und deshalb ist unsere Sprache auch heute noch voll von Ausdrücken, die eigentlich aus der Falknerei stammen.» Er wickelt das Ende des Bändels um meinen kleinen Finger. «Schau, was ich hier mache…», Andy blickt mich vielsagend an, «die Redewendung ‚Jemanden um den Finger wickeln‘ zum Beispiel bedeutet, volle Kontrolle über die Person zu haben. So wie du jetzt über diesen Vogel.» Andy lacht. Ich auch ein bisschen.

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Als Milena an der Reihe ist, geht noch alles gut. Der Lederhandschuh wirkt riesig an ihrer Hand, als Andy den Vogel um ihren Finger wickelt. Vorsichtig streicheln wir dem Falken übers glatte Gefieder. Er dreht den Kopf, schaut uns aus stechenden Augen an und krächzt misstrauisch. Von so nah leuchtet der spitze Schnabel gefährlich gelb.

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Wie scharf die langen Krallen sind, kriegt dann Nadine zu spüren. Als sie den Vogel auf der Hand hält springt dieser plötzlich von der belederten auf ihre unbelederte Hand. Die Krallen bohren sich von vorne und hinten tief in Nadines Daumenballen, wie wenn der Falke ein flüchtendes Kaninchen packen würde. Sogar Andy erschrickt. Nur mit Mühe kriegt er die Krallen seines Schützlings aus Nadines Fleisch. Es blutet und tut tierisch weh. Aber die tapfere Frau lässt sich nichts anmerken (My woman!). «Are you ok?», fragt Andy besorgt und schimpft dann mit dem Falken – aber sein Ton ist etwas zu zärtlich, finde ich.

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Ah, ja, die Anhänger-Story. Das passiert dann eben übermorgen, als wir Andy beim Vogeltraining besuchen wollen. Wir biegen eine zu früh rechts ab und landen statt beim Golfplatz bei einem Luxushotel mit Meersicht. Teure Autos rechts und links dem schmalen Strässchen entlang parkiert. Und viel zu eng, um mit Camper und Anhänger zu wenden. Also Anhänger abhängen – das Manöver ist mittlerweile eingespielt.

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Nachträglich sind wir sicher, dass ich die Kupplung beim wieder Anhängen nicht richtig eingerastet habe. Es bräuchte etwas Fett, damit es wieder von selber geht. Normalerweise mache ich immer den Check und trete mit dem Fuss nochmals kräftig drauf. Meine Gedanken sind wohl noch bei Andys Vogelkrallen. Ist es nicht zu riskant, unsere Kinder diesen scharfen Biestern auszusetzen?
«Was war das?», frage ich Nadine, als wir vorsichtig zwischen den BMWs und Mercedes hindurch zurückfahren. Nur ein kurzes «Klack» hat man gehört. Es hat sich angefühlt, wie wenn man über einen Dohlendeckel fährt, mehr nicht. Beim Blick in den Monitor der Rückfahrkamera brauche ich zwei Sekunden, um die schreckliche Situation zu erfassen. Nadine als Volleyballerin ist schneller: «Der Anhänger ist weg!» Scheisse. In meinem Kopfkino rollt er immer schneller und schneller die schmale Strasse runter und schrammt dabei die teuren Karossen der Hotelgäste. Das volle Debakel.

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Aber genau für diese Situationen ist die rot ummantelte dünne Stahlleine, die man am Fahrzeug anhängt. Sie reisst nämlich bei Zug sofort die Bremse hoch und bringt den verwaisten Anhänger zum Stillstand. Zum Glück ist das nicht auf einer stark befahrenen Strasse passiert. Der Garagist im Dorf, wo wir herkommen, stinkt nach Alkohol und Schweiss. «It seems to be ok», meint er und gibt uns die Adresse eines Anhängerprofis in der nächsten Stadt. Wir finden dessen Werkstatt kurz vor Feierabend und sind beruhigt, als er Kupplung und Reissleine gründlich checkt. «Braucht etwas fett», stellt er fest, und zeigt dann schmunzelnd auf die rostige Kette des Velos, das auf der Deichsel des Anhängers befestigt ist, «hier übrigens auch. Long journey, ey?!»

Text: Steff
Fotos: Nadine und Steff

Alles mit Stink!

Sodeli, nun ist es an der Zeit, mal etwas über das Innenleben unseres Campers zu erzählen. Sunny nennen wir ihn. Eindeutig ein gälischer Name, in Anlehnung an die ewig scheinende Sonne hier in Irland. Ah, klar, technisch weniger Interessierte oder auch zart Besaitete können diesen Beitrag getrost überspringen. Obwohl… Hast nicht gerade DU dich heimlich gefragt, wie das wohl funktioniert: Am Abend an einen Strandplatz zu fahren, einfach irgendwo wo es schön ist, dort zu parken und alles dabei zu haben, was man für das komfortverwöhnte Leben so braucht? Hier erfährst du es.

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Grob gesagt laufen in Sunny (Baujahr 2001) vier verschiedene Systeme, die miteinander in Wechselwirkung stehen: Diesel, Strom, Gas und Wasser. Beginnen wir mit dem einfachsten, dem Wasser. Sunnys Frischwassertank fasst so um die 100 Liter. Das reicht für wenige Tage bis eine Woche, je nachdem, ob man damit nur das Klo und die zähnegeputzten Mäuler spült, oder ob man auch duschen, Geschirr spülen und Spaghetti kochen will. Der Wasserverbrauch hängt stark davon ab, wo man steht: in der Wildnis oder auf einem Campingplatz, wo es externe Spül- und Waschstationen gibt. Eine kleine batteriebetriebene Wasserpumpe befördert das Wasser vom Tank in die Leitungen und in die Wasserhähne in Küche und Bad. Parallel zum Frischwassertank gibt es einen Abwassertank. Der ist zwar etwas grösser, aber überraschenderweise immer sehr schnell wieder voll. Gestern sogar so voll, dass das Zähneputzwasser nicht mehr ablief. Der Fachbegriff für das Entleeren des so genannten Grauwassers (heisst: Abwasser ohne Fäkalien) heisst «Dumpen» (sprich: Dampen). Das tut man normalerweise in einer dafür vorgesehenen «Dumping Station». Gestern umständehalber bei Nacht und Regen direkt in den Kiesboden auf dem Campingplatz. Natürlich nur so viel, dass das Brünneli im Bad wieder leer läuft.

Strom. Wie Zuhause kommt 220 Volt aus den Steckdosen, wenn man auf einem Camping- oder Stellplatz (das ist quasi ein rudimentärer Campingplatz) irgendwo die eigene Kabelrolle anhängen kann. Wenn wir – wie jetzt gerade – irgendwo an einem wunderschön verregneten Strand stehen, haben wir nur Batteriestrom. Sunny hat zwei Autobatterien, eine im Motor zum Starten (wie jedes Auto) und eine hinten zum Wohnen. Das ist die so genannte Versorgerbatterie. Sobald der Motor läuft oder das Stromkabel extern angeschlossen ist, werden beide Batterien aufgeladen. Mit der Versorgerbatterie hat man Licht. 12 Voltstrom kommt aus diesen runden Zigarettenanzündersteckern; zum Aufladen von Handys und so. Wenn man achtsam lebt, dann reicht die Versorgerbatterie für mehrere Tage. Wenn man jeden Tag eine Strecke fährt, wird sie sowieso immer wieder aufgeladen.

Bei der Stromversorgung könnte man fast endlos «upgraden». So haben Weltenbummler zum Teil Solarzellen auf dem Dach, um die Versorgerbatterie auch ohne Motorgebrauch aufzuladen. Das High-Tech-Reisemobil von Susanne und Jens, die wir unterwegs kennengelernt haben, verfügt über eine schnell ladende Litium-Ionen-Batterie (oder wie die Dinger heissen). Damit können die beiden monatelang «self-contained» (heisst: selbstversorgend) leben und sogar Wasserkocher und Fernseher betreiben. Echt beeindruckend.

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Nun zum Diesel. Ist klar: Um vorwärts zu kommen. Und eben: um die Batterien aufzuladen. Einige Camper haben eine dieselbetriebene Standheizung. Das ist praktisch, weil man Diesel überall auf der Welt kriegt. Aber Sunnys Heizung läuft nur gasbetrieben. Gas ist effizient und sauber. Aber in der Bewirtschaftung nicht in allen Ländern gleich unkompliziert. Die Flaschengrösse muss zum Schrank passen, und die Anschlüsse der Flaschen zu den Gasschläuchen im Camper. Frankreich ist kompatibel. Spanien und Irland nicht. Wir haben es so gelöst: Zwei 7.5 kg Flaschen haben wir aus der Schweiz mitgenommen, und eine dritte haben wir in Frankreich gekauft. In der Hoffnung, dass wir gerade wieder mal in Frankreich sind, wenn diese leer wird. Das scheint zu klappen. Gas brauchen wir zum Kochen, für den Grill, um den Wasserboiler aufzuheizen und für den Kühlschrank. Sunnys Kühlschrank ist übrigens ein absolutes Wunderding: der läuft mit 220 V (Steckdose vom Camping), 12 V (Batterie, dann kühlt er aber nicht aktiv) oder mit Gas. Im letzten Winter hat Sunny einen modernen Gasverteiler gekriegt. Damit dürfen wir auch während der Fahrt den Kühlschrank betreiben oder heizen. Ok, so kalt ist der irische Sommer in diesem Jahr auch wieder nicht. Aber wenn wir in die Skiferien fahren, ist es schon noch praktisch, wenn man am Ende der Fahrt die Kinder nicht tiefgefroren aus dem Camper heben muss…

So, jetzt hätten wir’s glaub ich. Ah, nein, das Ekligste fehlt noch: Die Toilette. Die führt in einen militärgrünen Kanister. Den zu leeren ist immer mein Job (wieso eigentlich?). Und damit dieser Job nicht allzu tödlich ist, gibt man a) vor dem Gebrauch einen zünftigen Schluck einer blauen Chemie-Flüssigkeit rein. In Neuseeland heisst dieser Saft «Liquid Gold». Damit werden die Gerüche neutralisiert und das Papier zersetzt. Und b) haben wir die familieninterne Abmachung, dass wir Sunnys WC nur für das flüssige Geschäft brauchen. Absolute Notfälle ausgenommen.

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Zum Schluss noch kurz zu Sunnys Traummassen: 3.10 Meter hoch, 2.30 Meter breit und 7.30 Meter lang. Mit Anhänger sind’s dann gute 12 Meter. Zum Wenden und Rangieren brauchen wir ausreichend Platz. Das ist nicht auf allen andalusischen oder irischen Bergsträsschen gegeben. Dort muss der Anhänger mit dem Boot drauf dann kurz abgehängt und von Hand gewendet werden. Bis jetzt konnten wir überall wenden, wo wir wollten oder mussten.

Sunnys echte Problemzone ist der lange und tief hängende Schwanz. Ohne Witz jetzt. Das Hinterteil schwenkt an der Aussenseite der Kurve ziemlich aus. Das muss beim Rangieren immer mitgedacht werden. Das Heikelste ist die tief liegende Anhängerkupplung. Sobald die Fahrbahn irgendwie geknickt ist, schrammen wir am Boden. Äusserste Vorsicht also bei Strassenschwellen, unebenem Wiesengelände auf Campingplätzen, Auf- und Abfahrtsrampen von Fähren sowie Löchern auf irischen Strässchen. Nicht immer sorgenfrei. Aber wie sagt doch ein guter Freund von mir jeweils zum Umgang mit Problemzonen: «Ist alles Einstellungssache!»

Text und Video: Steff
Häkel-Fotos: Corinne (und ihr Internet)

Video Soundtrack: Loreena McKennit (Marco Polo)
Alles-mit-Stink-Zitate: Top 10 Schweizer Youtube Videos https://www.youtube.com/watch?v=vgMe8mE_CDs

 

Immer schön…

Oben am Rand der Klippen sitzen etwa fünfzehn Männer, stemmen ihre klobigen Stiefel ins Gras und halten alle zusammen das dicke Hanfseil, das vor ihnen im Nichts verschwindet. Am anderen Ende ist einer angeseilt und baumelt in der Wand. Hundert Meter unter ihm brechen sich tosend die Wellen an den schwarzen Felsen. An seinem Gürtel baumelt ein geflochtenes Körbchen mit Heu drin. Hier legt er die Eier rein, welche er den Papageientauchern und Trottellummen aus den Nestern klaut. Das war früher, als die Bauern hier so arm waren, dass sie kein Risiko scheuten, um ihren Speisezettel ein bisschen aufzubessern.

Heute sind die «Cliffs of Moher» eine der meist besuchten Touristenattraktionen Irlands. Zwar gibt es in Irland noch viel höhere Klippen, aber die sind touristisch nicht erschlossen. Erst als die Felsen nicht mehr ganz so nah, schroff und tief neben dem unbefestigten Trampelpfad abfallen, kann auch Nadine die Wanderung geniessen. Wirklich geniessen, denn es herrscht Kaiserwetter. Und das den ganzen Tag. Das hatten wir noch nie, seit wir in Irland rumtingeln.

Cliffs_of_Moher_Panorama

Umso mehr geniessen wir den «Coastal Walk» den Cliffs entlang. Sogar die Dreizehenmöwen scheinen mehr Spass zu haben an ihrem Bad im Ebbe-Tümpel. Es ist einfach schöner, wenn‘s schön ist! In Blau erfreut das Meer mehr als in Grau. Und bei Sonnenschein nervt auch das pubertäre Gemaule fast nicht mehr («Sicher wandere ich keine acht Kilometer, geht’s noch!»).
Irgendwann verliert sich sogar die Angst, dass jederzeit der nächste Regenschauer kommen könnte – out of the Blue quasi. Aber eben, für uns ist das ein absoluter Ausnahmetag. Gerade jetzt nämlich, als ich dies schreibe und das Video schneide, prasselt es wieder dermassen auf das Camperdach, dass man die eigenen Fürze nicht mehr hört. «It comes and goes!» bagatellisiert das ältere Ehepaar auf dem Campingplatz unser Jammern über das Wetter. Tatsache ist aber, dass zumindest für unseren Aufenthalt das «Comes» vor allem auf die Regentage zutrifft, und das «Goes» für den Sonnenschein.

ireland

Cliffs_of_moher

Trip Schooling

Wer jetzt denkt, «das ist ja kein Problem, ein bisschen Schule machen mit euren drei fleissigen und gut begabten Kids», der darf jetzt gern mal meine Rolle übernehmen. Hört ihr da einen gehässigen Ton heraus? Recht habt ihr, denn zwischendurch bin ich echt entnervt.
Zwei Stunden pro Tag hatten wir abgemacht. Das sollte reichen, um die Leistungsfächer abzudecken. Schnell schon wurde klar, dass wir Englisch etwas stiefmütterlich behandeln werden, da wir in Irland Englisch als Familiensprache pflegen wollten. Minimalprogramm also.
Das tägliche Gejammer will da so gar nicht dazu passen. Waaaas?! Zwei Stunden, das ist viel zu viel. Böses Mami, das 5×2 Stunden Anstrengung pro Woche einfordert. Und dann kommt auch noch Papi mit seinen Texten für den Blog. Ächz und Stöhn. Arme Kinder. Sie sind wirklich bedauernswert. Sie befinden sich an den schönsten Orten Europas und müssen sich im Camper jeden Morgen mit unnötigen Dingen beschäftigen. So dumm auch.
Vehement werden fixe Samstage und Sonntage eingefordert. Dass da auch freie Mittwoche und Freitage dazwischen waren, zählt nicht. Und plötzlich soll Angling School auch als School gelten («Steht ja da: School!»). Ein nicht enden wollendes Gefeilsche um Unterrichtsminuten; Diskussionen, ob der Museumsbesuch als Unterrichtszeit abgebucht werden darf oder nicht, (Nein natürlich nicht, denn das war bereits in der Minimalprogramm-Berechnung abgezogen), Brüllkrisen, wenn etwas nicht grad verstanden wird («Dann sag mir doch einfach wie’s geht, anstatt, dass ich es selber erarbeiten muss!») und am Schluss will man meine Erklärungen gar nicht mehr hören («Lass mich jetzt; so dumm bin ich auch wieder nicht; ich versteh das sowieso nicht…!»)

Und das nennt man Urlaub! Ha! Den muss sich mein Lehrerinnen-Ich täglich hart verdienen.

Text: Nadine
Video: Steff

Morgenkafi

Heute früh, als etwa der fünfte Regenschauer auf das Camperdach prasselt, ist das Gefühl ganz stark da… Ich weiss gar nicht, ob ich das hier einfach so aufschreiben darf. Schliesslich haben wir das Riesenprivileg, als Familie drei Monate durch Europa reisen zu dürfen. Und ausser meiner gebrochenen Zehe und dem verstauchten Daumen, die beide immer noch weh tun, sind wir alle gesund. Wir haben keinen Unfall gehabt, nur  einen kleinen Tütsch beim Manövrieren auf holprigem Gelände. Nicht der Rede wert. Uns ist nichts geklaut worden – einfach (fast) alles paletti. Und wenn man Irland sagt, kommen alle grad ins Schwärmen: «Super Land und: Toll, so ne Europareise mit den Kindern!»

Wenn ich ganz ehrlich bin, hat mich das Gefühl schon gestern beschlichen. Wir hören alle zusammen an einem Hörbuch – Commissaire Dupin aus Concarnau verfolgt gerade eine heisse Spur, als ihn sein Inspecteur Rival anruft und mit einer bretonischen Druidengeschichte volllabert. Ich sitze an einem Bier und blättere im Marco Polo Irlandreiseführer. Ziemlich lustlos, wie ich merke – aber auch das sage ich niemandem. «Der Streckenabschnitt bietet grandiose Aussichten auf die Natur mit Moor- und Heidelandschaften, spektakulären Klippen und schönen Sandstränden.» Das scheint für die ganze Westküste zu gelten, denn ich lese es an verschiedenen Stellen. «Nautisch-rustikale Atmosphäre prägt das Pub im historischen Cottage am Hafen.» Hhm, jedes Pub ist anders, und doch sind alle gleich. Und dann noch die alten Kirchen, und wir hätten Irland beisammen. He, was soll dieses innere Gemotze? Kurz zuvor bin ich doch unten am Fluss gewesen, ganz allein. Nur ich und die Rute und die Forellen. Gleich fünf habe ich an den Haken gekriegt. Ein Traum, dieser Fluss hier. Woher kommt diese Scheissstimmung? Vielleicht bin ich einfach müde. Ich gehe ins Bett und lausche dem Wind, der an unserer Markise rüttelt. Und Commissaire Dupin – noch ungefähr eineinhalb Sätze.
Heute früh beim Aufwachen ist es plötzlich ganz nah und greifbar Ich rieche es förmlich. Dass ich meinen Kafi jetzt grad lieber zu Hause unter der Kiwi Pergola trinken würde. Frühmorgens, wenn die Sonne noch hinter dem Löwen versteckt ist und das Quartier nach Ruhe duftet. Die Katze Ramba würde zweimal um meine Beine streichen und dann auf meinen Schoss springen. Und eigentlich würde ich ganz gern wieder mal mit den Buddies vom Zürisee angeln gehen. Nicht immer ein neues Gewässer antreffen und herausfinden müssen, welche Fische man gerade angelt, wo sie stehen und worauf sie beissen. Denn das ist auf die Dauer recht anstrengend. Und ja – ich würde gerne mal wieder sicher sein, dass das Juli-Wetter auch am Nachmittag noch schön ist, wenn am Morgen die Sonne scheint. Das auch.

So, jetzt ist es raus. Und ihr könnt denken oder schreiben, was ihr wollt.

Text und Video: Steff

Bertie will nicht springen!

Heute findet auf dem Reiterhof in Athlone ein Springwettbewerb statt. Milena und ich dürfen mitmachen, weil wir zwei Tage vorher auf diesem Hof Reitstunden genommen haben. Das Pferd, das ich reiten darf, heisst Bertie. Es ist schon dreissig Jahre alt. Leider regnet es immer wieder; zum Teil in Strömen. Claire, unsere Reitlehrerin sagt: «Wenn es regnet, wollen die Pferde nichts machen.» Beim Training geht Bertie immer vor den Hindernissen in Schritt und trappelt dann langsam über die Stangen. Da hilft nicht einmal Claires Peitsche. Leider ist es dann beim grossen Parcours auch so.
Zu meinem Trost: Bei einem Jungen, der schon lange zu reiten scheint, ist Bertie genau so faul und geht nur im Schritt über die Hindernisse. Aber ich fand es trotzdem toll und Claire ist super nett. Immer ruft sie uns zu: «Well done, excellent, good girls!»

Text: Lynn
Video: Steff