If you don’t go, you don’t have a story!

falken10_web

Eigentlich sind Andy und seine Jagdfalken daran schuld, dass wir unseren geliebten Anhänger beinahe verloren haben. Wie so oft beginnen solche Geschichten mit einer fast beiläufigen Begegnung. So frage ich in Murphy’s Pub das Girl hinter der Theke in unschuldigem Ton, ob man denn im Fluss auch angeln dürfe. Sie kassiert die fünfzehn Euro für unseren Traumstellplatz unterhalb des Wasserfalls, zuckt mit den Schultern und verweist mich an Andy. Er sitzt neben mir und ist schon am zweiten Guiness. Andy trägt so ne Art Jägerkluft aus olivgrüner gewobener Wolle. Um den Hals eine kleine Pfeife – für seine Greifvögel, erfahre ich später.

falken03_web

Eigentlich bräuchte es auch unterhalb des Wasserfalls ein Patent zum Angeln, meint Andy, aber derjenige, der die Kontrollen durchführe, sei für längere Zeit ausgefallen. Er hebt vielsagend seine Hände und lächelt verschmitzt. Und sowieso würden in Irland viel mehr Lachse illegal gefangen als legal. Wie bitte? Es gibt Lachse in diesem Flüsschen? «Oh, ja, grosse. Versucht es, wenn die Flut reinkommt, dann schwimmen sie vom Meer her rein und springen den Wasserfall hoch.» Aber von mir habt ihr diesen Tipp nicht, verstanden?!

falken01_web

Tatsächlich hat dann Silvan am nächsten Morgen einen am Haken, verliert ihn aber leider wieder, als dieser aus dem Wasser springt und den Blinker abschüttelt. Andy ist unser Mann, denn gute Infos sind der halbe Fang. Ich kriege feuchte Hände und Pulsrasen vor Aufregung. Nadine, Milena, was trinkt ihr? Andy, noch ein Guiness? Er habe früher ein Fischereigeschäft geführt, hier im Ort, gleich da drüben bei der Brücke. Aber das Business sei schlecht gelaufen, und er musste den Laden dicht machen. Von der Fischerei läuft das Gespräch bald zu Andys heutiger Leidenschaft: den Greifvögeln. Neben seinem Job als Chefkoch brütet er Zuhause Eulen, Adler und Falken aus, zieht sie gross und verkauft sie später als ausgebildete Jagdvögel. «Ist das euer Wohnzimmer, Andy?», frage ich lachend, als er auf seinem Smartphone die Bilder durchscrollt. Seine Frau teilt das Sofa mit zwei Spürhunden, einem jungen Uhu und einem Falkenbaby.

falken04_web

Falls wir übermorgen noch hier wären, könnten wir einem Training beiwohnen. Die Kinder könnten dann die Vögel selber auf den Arm nehmen und fliegen lassen. Klar sind wir übermorgen noch hier! «Wollt ihr einen sehen? Jetzt gleich?» Andys Ton wird fast verschwörerisch. Seine top Falken seien zahm wie Schosshunde und würden einfach so im Auto mitfahren. Andy lässt sein halbvolles Guiness stehen, geht über die Strasse und beugt sich ins Innere seines Wagens. Als er sich wieder umdreht, sitzt auf dem dicken Lederhandschuh ein brauner Greifvogel. Sieht aus wie unser Schwarzmilan, ein bisschen kleiner vielleicht. Es ist ein nordamerikanischer Falke, in der Szene bekannt und geschätzt als zuverlässiger Jagdvogel.

falken12_web

Der zweite Handschuh ist für uns. Zuerst für mich. Der Vogel flattert und krächzt. Beim Versuch wegzufliegen fällt er von Andy’s Arm und baumelt hilflos an den Lederbändeln, die um seine Füsse gebunden sind. Andy beruhigt ihn und schmust mit dem Tier, wie ich früher mit meinen Meerschweinchen. «Good boy, yes. Come on!» Dann sitzt er auf meiner Hand. Andy fädelt mir die Fussschnur des Vogels zwischen die Finger im steifen Lederhandschuh. «Früher war die Falknerei Teil des Alltagslebens», erzählt er, «und deshalb ist unsere Sprache auch heute noch voll von Ausdrücken, die eigentlich aus der Falknerei stammen.» Er wickelt das Ende des Bändels um meinen kleinen Finger. «Schau, was ich hier mache…», Andy blickt mich vielsagend an, «die Redewendung ‚Jemanden um den Finger wickeln‘ zum Beispiel bedeutet, volle Kontrolle über die Person zu haben. So wie du jetzt über diesen Vogel.» Andy lacht. Ich auch ein bisschen.

image

Als Milena an der Reihe ist, geht noch alles gut. Der Lederhandschuh wirkt riesig an ihrer Hand, als Andy den Vogel um ihren Finger wickelt. Vorsichtig streicheln wir dem Falken übers glatte Gefieder. Er dreht den Kopf, schaut uns aus stechenden Augen an und krächzt misstrauisch. Von so nah leuchtet der spitze Schnabel gefährlich gelb.

falken02_web

Wie scharf die langen Krallen sind, kriegt dann Nadine zu spüren. Als sie den Vogel auf der Hand hält springt dieser plötzlich von der belederten auf ihre unbelederte Hand. Die Krallen bohren sich von vorne und hinten tief in Nadines Daumenballen, wie wenn der Falke ein flüchtendes Kaninchen packen würde. Sogar Andy erschrickt. Nur mit Mühe kriegt er die Krallen seines Schützlings aus Nadines Fleisch. Es blutet und tut tierisch weh. Aber die tapfere Frau lässt sich nichts anmerken (My woman!). «Are you ok?», fragt Andy besorgt und schimpft dann mit dem Falken – aber sein Ton ist etwas zu zärtlich, finde ich.

falken07_web

Ah, ja, die Anhänger-Story. Das passiert dann eben übermorgen, als wir Andy beim Vogeltraining besuchen wollen. Wir biegen eine zu früh rechts ab und landen statt beim Golfplatz bei einem Luxushotel mit Meersicht. Teure Autos rechts und links dem schmalen Strässchen entlang parkiert. Und viel zu eng, um mit Camper und Anhänger zu wenden. Also Anhänger abhängen – das Manöver ist mittlerweile eingespielt.

falken08_web

Nachträglich sind wir sicher, dass ich die Kupplung beim wieder Anhängen nicht richtig eingerastet habe. Es bräuchte etwas Fett, damit es wieder von selber geht. Normalerweise mache ich immer den Check und trete mit dem Fuss nochmals kräftig drauf. Meine Gedanken sind wohl noch bei Andys Vogelkrallen. Ist es nicht zu riskant, unsere Kinder diesen scharfen Biestern auszusetzen?
«Was war das?», frage ich Nadine, als wir vorsichtig zwischen den BMWs und Mercedes hindurch zurückfahren. Nur ein kurzes «Klack» hat man gehört. Es hat sich angefühlt, wie wenn man über einen Dohlendeckel fährt, mehr nicht. Beim Blick in den Monitor der Rückfahrkamera brauche ich zwei Sekunden, um die schreckliche Situation zu erfassen. Nadine als Volleyballerin ist schneller: «Der Anhänger ist weg!» Scheisse. In meinem Kopfkino rollt er immer schneller und schneller die schmale Strasse runter und schrammt dabei die teuren Karossen der Hotelgäste. Das volle Debakel.

falken09_web

Aber genau für diese Situationen ist die rot ummantelte dünne Stahlleine, die man am Fahrzeug anhängt. Sie reisst nämlich bei Zug sofort die Bremse hoch und bringt den verwaisten Anhänger zum Stillstand. Zum Glück ist das nicht auf einer stark befahrenen Strasse passiert. Der Garagist im Dorf, wo wir herkommen, stinkt nach Alkohol und Schweiss. «It seems to be ok», meint er und gibt uns die Adresse eines Anhängerprofis in der nächsten Stadt. Wir finden dessen Werkstatt kurz vor Feierabend und sind beruhigt, als er Kupplung und Reissleine gründlich checkt. «Braucht etwas fett», stellt er fest, und zeigt dann schmunzelnd auf die rostige Kette des Velos, das auf der Deichsel des Anhängers befestigt ist, «hier übrigens auch. Long journey, ey?!»

Text: Steff
Fotos: Nadine und Steff

2 Gedanken zu „If you don’t go, you don’t have a story!“

  1. Spannende bebilderte Geschichte über die Falknerei mit dem unschönen Hick-Hack in Nadines Handballen. Die Geschichte mit dem losgerissenen Anhänger lässt mich erschauern. Erinnert mich an den Achsenbruch auf der Fahrt von Spanien in die Schweiz, an einem Samstag mitten in der Stadt Lyon. „Papi, da tropfet öppis Gäls us em Auto uf d’Strass!“, murmelt Simone. Weiter gute Fahrt ohne gröbere Zwischenfälle. PA

  2. So eine aufregende Feriengeschichte! Das wär ein Ding gewesen, wenn der Anhängerin in die Nobelschlitten gefahren wäre, hihi! So Vogelfüsse haben’s schon in sich, hoffentlich ist alles ohne Raubtierinfektion verheilt. Nadine du Arme! Sowas Kralliges gibts in Dielsdorf natürlich nicht. Die Milane hier sind nicht ganz so zutraulich. Viel Spass und Glück beim halbillegalen Lachsfang und noch schöne Restferien!!!! Veronika , Marlene und Helena

Kommentare sind geschlossen.