Forellenzauber

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Auf den ersten Blick sieht dieses Flüsschen nach nichts aus. Auf den zweiten eigentlich auch. Papa und ich haben gut zwei Stunden Zeit, um einen dritten Blick zu werfen. Das ist der, den man nur dann erhält, wenn man mit Wathosen ins Wasser steigt und jeden noch so unscheinbaren Winkel konzentriert abfischt. «Fisch!» ruft Papa schon beim zweiten Wurf. Ich ziehe sogleich nach – und lege noch einen, nein, gleich zwei drauf. 4 : 1 für mich.

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Auf zwei Sachen muss man hier aufpassen. Erstens: Wohin man tritt. Das Wasser ist wie überall in Irland vom Torfboden getrübt. Und so sieht man die tiefen Löcher im Fluss nicht. Wir tasten uns über die glitschigen Felsen auf dem Grund, immer in der Hoffnung, beim nächsten Schritt wieder festen Boden zu spüren. Zweitens: Wohin man wirft. Überall Büsche, Gras, Bäume und algenbewachsene Felsen. Dass unsere Metallblinker (für die Fischer unter uns: Meps, Nummer 2) genau dort landen, wo wir wollen, verdanken wir nur unserer 10‘000fachen Übung.

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11 zu 7 für mich. Aber Papa ist am Aufholen. Er fängt hintereinander zwei schöne Fische, während ich meinen Blinker aus dem Laub eines Ahorns befreien muss. Aber das vielversprechende Loch links hinter dieser kleinen Felsschwelle hat er noch nicht abgeworfen. Das schnapp ich mir. «Fisch!», rufe ich triumphierend. «Wow», meint Papa bewundernd, «du zauberst aber auch aus jedem Scheissloch noch eine Forelle raus!» Die meisten Forellen hier sind recht klein. Diarmuid, unser Guide vom Fliegenfischen hat uns erklärt, wieso. Der Torfboden ist entgegen unserer Annahme sehr arm an Nährstoffen. Deshalb gibt ist im trüben, aber sehr sauberen Wasser wenig Algen. Und damit auch wenig Nahrung in der ganzen Kette. Darum wachsen die Forellen sehr langsam.

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«Biss!» rufe ich kurz darauf noch einmal. Ich spüre heftige Schläge und einen starken Zug in der Rute. «Das ist eine Grosse!» Ich will den Fisch auf keinen Fall verlieren. Aber ich kann ihn nicht einfach so einkurbeln, denn ich angle mit einer sehr feinen Rute. Da braucht es bei schweren Fischen viel Gefühl beim Drill. Endlich ist sie müde. Doch als ich die schöne Forelle zu Gesicht bekomme und nach ihr greifen will, schüttelt sie sich noch einmal heftig, schlägt mir den Haken in den Finger und verschwindet im torfbraunen Wasser. Immer noch 13 zu 11 – für mich. Es frustriert mich, weil ich doch endlich ein Foto mit einer schönen Forelle haben will. Bis jetzt haben wir nur das Fischen genossen. Das Fotografieren stört meistens, weil es einen aus dem «Flow» herausreisst.

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Ich wate ein Stück den Fluss hinauf und mache meinen nächsten Wurf. Schon habe ich den nächsten Fisch am Haken. Diesmal gelingt die Landung. Sie ist nicht so gross wie die letzte. Doch es ist ein guter «Frustvertreiber». 14 zu 11.

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Irgendwann ist der wundervolle Spuk vorbei und wir kriegen keinen Biss mehr hin. Entweder ist die Beissphase vorbei oder wir sind nicht mehr gleich konzentriert wie zuvor. Oder beides. Plötzlich rutsche ich auf einer schlammüberzogenen Felsplatte aus und knalle voll aufs Knie. Tut höllisch weh. Und Papa versucht seinen Blinker aus den Bäumen zu befreien. Eindeutig: Die Konzentration ist weg.
Müde und glücklich gehen wir zurück zum Campingplatz. 14 : 12 für mich. Die vier Forellen, die wir entnommen haben, schmecken köstlich. Sagen jene von uns, die Fisch essen.

Text: Silvan
Fotos: Silvan und Steff
PS: Geschrieben speziell für Peter, der sich soooo nach einer neuen Fischergeschichte sehnt. 😉

10 Gedanken zu „Forellenzauber“

  1. It would be a bit harsh to say that this is just not cricket. A.A. Luce one of the great Irish angling writers would spin in his grave reading the above. As I am not in my grave yet I take a slightly milder view and just frown at the „Forellenzauber“. Food for thought. After all I might be mistaken in my conception of fishing for trout and salmon which is: fly only. I am not saying there is no skill involved in other techniques but they’re limited in their philosophical potential. What do I mean by that? Spin fishing for trout and salmon is like drinking non-alcoholic Guinness. Is there a non-alcoholic Guinness? Of course not, you see, the question doesn’t make sense. Or to put it in wine drinkers language: if there wasn’t alcohol in wine people wouldn’t write about it so passionately. Have you ever heard of Parker writing about raspberry syrup (Himbeersirup). I mean who would dream about waxing lyric about raspberry syrup and then present it like Whisky (Whiskey) in elegantly designed bottles. Anyway I am straying but then again this is about Ireland and trout; so the farther away you get the closer you come to the truth that is the trout and you’ll get there fly only. On the other hand … And just a last one for the road: fishing I am inclined to believe is not a banal accountancy based activity like football or tennis. Anyway what’s the point? I am following your Irish adventures with great interest and a not insignificant amount of yearning. What beautiful trout! All the best.
    Cheers
    Alex.

  2. Uff, da han-i aber grad no Glück gha, dass ich alles bis am Schluss gläse han! Danke vilmal für die erhellende Erkenntnis, au wänn ich dänke, dass mit eme 12 Gramm 4.3cm Flügefisch-Wobbler mit isländischem 0.2 mm Silch und Swentston-Carbon Ruete (ich meine natürli die mit 170 cm und NÖD das lächerliche 156 cm Teil) de Sil locker uf 18:12 hetti chöne erhöhe. Aber ebe: Uf mich lost mer halt nöd …

    1. Natürli gilt de Wobbler ned. Richtig gefischt ist nur stromaufwärts und trocken (upstream dry). Und trotzdem: „Well done, Silvan“. Peter, ich habe noch nie von „Swentston“ gehört und bei Google gibt es zum Stichwort keinen Eintrag – kannst Du mir da mit mehr Infos oder einem Link helfen?
      Cheers
      Alex.

      1. @Alex: Kein Wunder, findest du die Swentston-Rute im Internet nicht … ich oute mich als 150%-ige Fischer-Niete. Kurz und gut: Obiger Text ist 100% Nonsens. Meine einzige Fischer-Erfahrung ist mehr als übersichtlich: Im Jahr 1977 habe ich mit gütiger Hilfe eines Einheimischen ein paar Egli aus einem finnischen See geholt 🙂

          1. @Alex: Noch eine kleine Story, um meine Fischer-Kompetenz zu unterstreichen: Ich bin alle paar Jahre in Tromsø. Dort hat es einen sensationellen Laden mit Fischereibedarf … nur schon das blosse Schauen ist ein Genuss. Ich liess mich beraten, weil ich ein handliches, scharfes Messer suchte. Der Verkäufer, ein bäriger Norweger, fragte mich auf englisch: «Und, wänn ich dörf fröge, uf was fischisch dänn so?» Als ich antwortete, dass ich das Messer brauche, um das Fleisch von rohen Poulet-Schenkeln auszunehmen, wurde sein freundliche Lächeln irgendwie Botox-mässig starr. Mein Status als Fischer sackte in seiner Wahrnehmung offensichtlich ins Bodenlose, etwa so, wie wenn man auf dem Leiterlispiel von der 93 auf die 4 zurückfällt. Immerhin verkaufte er mir das Messer doch noch, und es leistet mir heute sehr gute Dienste.

  3. Silvan, Deine Bilder sind hervorragend. Mit all Deinen Texten übers Fischen wird man quasi zum theoretischen Fischspezialist. Weiterhin Petri heil! PA

  4. Tja, Alex, wo du recht hast, hast du recht. Aber du kennst ja mittlerweile meinen style of fishing, writing and thinking (as a not known writer said: writing is thinking, not the report of thoughts.): Ich BIN tatsächlich limited in my philosophical potential. Mit Haut und Haar. Und drum Spinnfischer – vorderhand noch. Ganz cool finde ich aber, dass du Peters Köder eingesaugt hast wie ein Wolfsbarsch den Wobbler. Langsam kriegt unser Blog den richtigen Spin. I love it.

    1. Der Wobbler war einfach zu gut – und hat mir nachher noch den ganzen Tag Freude gemacht. !!! Ich dachte noch:“Mit dem Teil kann er das Forelleli erschlagen.“ Aber dann Hirn ab und Biss 🙂

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