1€ = 7 min – 2€ = 14 min ?

 

Steff meinte ja, er habe es so gemacht. Wer jetzt an Gleichungen und Proportionalität denkt und das Gefühl hat, das komme nicht gut mit unseren Kids und diesem Mathi-Unterricht, der kennt die irischen Campingplätze und ihr Duschsystem nicht. Unter die Dusche stehen, Hahn aufdrehen und duschen, bis man fertig ist. Nein, nein, so läuft das hier nicht. 1€ in die Maschine werfen, in die Dusche hechten, abziehen im Schnelltempo, denn die Dusche ist schon am Laufen und rein ins angenehm warme Nass. Schnell Haare waschen, für den Fall dass die Dusche zu früh abstellt. Es ist angenehmer den Schaum von der Haut abzuwischen, als von den Haaren. Danach Tempo drosseln, den Rest erledigen, versuchen vor dem Abstellen noch ein paar Sekunden den heissen Duschstrahl auf der Haut zu geniessen. Puuh, geschafft!
Heute sollte das mal anders sein. Steff hat es schon ausprobiert, 2€ einwerfen und gemütlich 14 Minuten duschen. Zuerst haben die Mädels und ich alle 1€-Stücke zusammengekramt, die wir finden konnten, dann generalstabsmässig alles vorbereitet: 3mal Duschmittel, 3x Shampoo- schon das eine Aufgabe, da wir das grundsätzlich nur 2mal mitführen, 1x männlich, 1x weiblich- Balsam, Tücher, Kleider… Vor der Dusche wählt jeder seine Dusche aus, dann müssen wir uns noch mit der Schliessvorrichtung der Türe herumschlagen. Die Klinke hoch, abschliessen und…Lynns Türe klemmt. Nach drei weiteren Versuchen haben wir auch das im Griff.
Die Mama ist natürlich so lieb und lässt die Mädels sich gemütlich in ihren Duschen einrichten, wartet draussen bis der Befehl zum Loslegen kommt. 1€, 2€ in die Kiste, sie zeigt 14 Minuten an. Alles paletti. Jetzt noch meine 2€ rein, in die Dusche eilen. Vorsichtshalber beginne ich trotzdem mit den Haaren und mache dann gemütlich weiter. Mitten in einer Einseifphase-klack. Die Dusche stellt ab, nach genau 7 Minuten. Wer jetzt denkt, dass ich das lustig gefunden habe, der irrt sich. Fluchend und schlecht gelaunt, schliesse ich das Experiment 2€ = 14min ab. Die Beine bleiben strubbelig bis zum nächsten Mal. Nebenan höre ich wie die Duschen der Mädchen friedlich weiter plätschern.

Text und Bilder: Nadine

Bertie will nicht springen!

Heute findet auf dem Reiterhof in Athlone ein Springwettbewerb statt. Milena und ich dürfen mitmachen, weil wir zwei Tage vorher auf diesem Hof Reitstunden genommen haben. Das Pferd, das ich reiten darf, heisst Bertie. Es ist schon dreissig Jahre alt. Leider regnet es immer wieder; zum Teil in Strömen. Claire, unsere Reitlehrerin sagt: «Wenn es regnet, wollen die Pferde nichts machen.» Beim Training geht Bertie immer vor den Hindernissen in Schritt und trappelt dann langsam über die Stangen. Da hilft nicht einmal Claires Peitsche. Leider ist es dann beim grossen Parcours auch so.
Zu meinem Trost: Bei einem Jungen, der schon lange zu reiten scheint, ist Bertie genau so faul und geht nur im Schritt über die Hindernisse. Aber ich fand es trotzdem toll und Claire ist super nett. Immer ruft sie uns zu: «Well done, excellent, good girls!»

Text: Lynn
Video: Steff

Im Fan-Pub

Das Pub neben unserem Campingplatz heisst «The Dog and Duck». Als wir kurz vor zwei hinein kommen, ist es gerammelt voll. Mit etwas Glück ergattern wir uns noch Stühle, jedoch nicht am besten Platz. Jeder will unbedingt den Match Irland – Frankreich schauen. Die Stimmung ist angespannt, denn wenn Irland den Match verliert, müssen sie nach Hause. Mit meiner Cola in der Hand starre ich auf den Bildschirm. Als schon der erste am Boden liegt. Ich hoffe, dass der Schieri abpfeift, und Irland einen Penalti schiessen darf. Und noch bevor ich meinen Gedanken zu Ende denken kann, brüllen die irischen Fans ausser sich vor Freude. Der Ball fliegt ins Netz – ins französische Netz. Ich juble wild mit und freue mich für sie. Ich glaube das gab’s noch nie, in der zweiten Minute schon ein Toor! Im Laufe des Spiels wird viel gerammelt und gefoult, zu viel für meinen Geschmack. Sonst passiert in der ersten Halbzeit nicht mehr viel. In der zweiten Halbzeit schiessen die Franzosen dann zwei Goals. Die Stimmung im Pub liegt auf der Skala bei Nummer null. Als der Schlusspfiff ertönt, sind alle Gäste niedergeschlagen. Doch wir bleiben optimistisch und denken uns einfach: Beim nächsten Mal kommt es besser. Leider dauert es für die Iren noch ziemlich lange, bis es wieder soweit sein könnte.

Text: Milena
Video: Steff

The Euro Zone

«Niemand will das Spiel Albanien – Rumänien sehen! Schalten Sie um!» Der Fussballfan neben mir im grünen T-Shirt und dem Guiness auf dem Tisch ist deutlich. Die Chefin de Service auf der Fähre ziemlich verunsichert: «Aber da kriegen wir wenigstens ein Signal rein…». «Ist mir scheissegal, suchen Sie BBC 1!» Diskussion beendet. Die Iren fackeln nicht lange, das merkt man schon auf der Überfahrt. Zu Beginn der Partie müssen wir um unsere Sitzplätze kämpfen. Aber als der Bildschirm schliesslich nur noch blau bleibt, leert sich «The Euro Zone» nach und nach. Zum Glück empfangen wir hier Schweizer Radio über das Schiffs-Wifi. So können wir das Unentschieden gegen die Franzosen wenigstens hören.
Mit Camper und Anhänger sind wir zwölf Meter lang. Damit in den Bauch einer Fähre zu fahren ist fast wie ein Hafenmanöver mit dem Segelschiff. Ich werde jeweils ganz ruhig, hochkonzentriert. Und kann sogar ausblenden, dass die Mädels hinten genau in diesem Moment ab irgend einem Scheiss zu zicken beginnen. Ich hoffe einfach, dass ich hier mit dem Anhänger nicht rückwärts wieder raus muss.
Als wir ablegen stehen wir zuoberst auf Deck. Das Vibrieren des Schiffsmotors löst die sensiblen Alarmanlagen der Personenwagen aus. Dabei stand doch auf der Check-List, die du um den Rückspiegel hängen musstest: Gang rein, Handbremse ziehen, Alarmanlage ausschalten. Es ist eindeutig das bessere Gefühl, hier oben zu stehen und zu lachen, als unten vor aller Augen deinen Wagen suchen zu müssen, um den Alarm abzustellen. Das Hupkonzert ist für uns der Abschied vom geliebten Frankreich und der Aufbruch in ein noch unbekanntes Land.
Nadine und ich diskutieren, ob das Linksfahren einfacher ist mit dem eigenen Auto oder mit einem rechtsgesteuerten. Rein intuitiv sind wir beide für a) – trotz breitem Camper mit Anhänger – obwohl man landläufig meistens b) hört. Von unserer Zeit in Neuseeland scheint das Links-Fahr-Programm noch irgendwo abgespeichert zu sein und ist nun schnell wieder einsatzbereit.
Apropos Neuseeland: Dort haben sie uns bei der Einreise fast noch die verschweissten Alubeutel mit dem Fertig-Fondue aufgerissen. Die haben eine richtige Phobie vor fremdem Ungeziefer, das die Touristen einschleppen könnten. Als die irischen Zollbehörden nun ihren Schnüffelhund in den Ford Transit vor uns hüpfen lassen, habe ich ein heiss-kaltes «Flashback». Wie ist es mit den Alkohol-Einfuhrbestimmungen? Wir haben auf Anraten eines Walisers in der Bretagne literweise billigeres Bier gekauft. Und mit der Waffeneinfuhr? Die Kinder haben in Spanien bündelweise Schwerter und Dolche erstanden. Wenn sie uns nun den Camper filzen? Ich halte den Atem an, als wir an der Reihe sind, und lächle der Beamtin verkrampft zu. Sie lächelt locker zurück und winkt uns durch. Vielleicht haben die Schweizer-Fan-Fähnchen an unseren Wagenscheiben etwas nachgeholfen.

Noch vor dem ersten irischen Pub knackt unser Sunny (so heisst unser Camper) die 100‘000 Kilometermarke. Klar, die meisten dieser Kilometer hat er ohne uns absolviert. Trotzdem jubeln wir: «Well done, Sunny! Weiter so!» Dann tauchen wir in die Weltstadt Dublin ein, die einstige Metropole des Sklavenhandels. Das erfahren wir im Museum, wo unser früheres Aupair Aurelie ihre erste Arbeitsstelle hatte. Nachdem sie als Französin von der Schweiz nach Irland ausgewandert ist. Das ist jetzt etwa zehn Jahre her. Aber die Nennung von Aurelies Namen lässt die Jungs, die heute noch im Museum arbeiten, immer noch schwach werden. Und wir kriegen die Tickets umsonst. Und weil Aurelie auch den Besitzer des Pubs kennt, dürfen unsere Kinder nach 21 Uhr noch dort sitzen. Dann, wenn die Musiker bei ihrem dritten Guiness sind und so richtig in Fahrt kommen.

Text und Video: Steff

Mordshecht

«Biss», rufe ich Papa zu, «ich glaube ein Hecht! – Oh Mann, verloren!» Also werfe ich noch einmal in die Box vom Hafen am Lough Ree. Und prompt kriege ich wieder einen heftigen Biss. Ich rufe zu Papa: «Ich brauche deine Hilfe bei der Landung; komm wir machen eine Handlandung!» Die Bremse surrt und der Fisch zieht Schnur von der Rolle. Ich habe Angst, dass der Hecht um die Pfosten der Stege schwimmt und dann meine dünne Schnur reisst, wie bei den fünf Hechten die ich vorher schon am Band hatte. Eigentlich angeln wir hier auf Barsche (Egli), die wir mit unserer ausgefeilten Zürisee-Technik reihenweise überlisten. Und deshalb fischen wir mit ganz feinem Geschirr. Und wenn dann ein Hecht den Köder  in sein Schnabelmaul voller spitzer Zähne bekommt, kann es schnell passieren, dass die Angelleine durchgeripscht wird.
Auf einmal kommt ein schlanker und muskulöser Körper aus der Tiefe und wir bekommen den Fisch zu Gesicht. Das Wasser ist hier vom Torfboden bräunlich gefärbt und ziemlich trüb. Deshalb sieht man die Fische erst ganz am Schluss des Drills. Wunderschön gezeichnet ist er! Ich kann’s kaum erwarten, den Hecht von ganz nahe zu bewundern. Doch aus den letzten Malen habe ich gelernt, dass ich erst dann locker lassen darf, wenn ich den Fisch sicher in der Hand habe.
Als Papa den Fisch landen will, springt er plötzlich noch einmal aus dem Wasser und schüttelt sich. Ich habe schon Angst, dass ich ihn wieder verlieren könnte. Doch die Schnur hält und der Haken sitzt. Jetzt kann Papa den Fisch mit einem beherzten Nackengriff  landen. Ich bin so stolz, endlich meinen ersten Irlandhecht in den Händen halten zu können. Nach einem High-Five und einem kurzen Fotoshooting darf mein «Esox» wieder schwimmen. Zufrieden sage ich zu Papa: «So kann es weitergehen!»

Text und Video: Silvan

 

Outbreak of Rain and Drizzle

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Eigentlich ist das Wetter in Irland immer schön, sagt eine alte irische Bauernweisheit – jedenfalls zwischen zwei Regenschauern. Ha, ha! Momentan ist sogar diese Regel ausser Kraft. Denn jetzt haben wir den Dauerregen, den die Schweiz die letzten paar Wochen hatte. «The unsettled weather with further rain, showers and strong winds is set to coninue for the whole week», meldet meine irische Wetter-App. Ich habe mal gehört, dass die Inuit in Grönland zwanzig oder mehr Begriffe für verschiedene Arten von Schnee haben – die Iren haben sie für Regen.

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Was kann man bei diesem Wetter unternehmen, ausser einfach im Camper hocken und auf den trüben See hinaus starren? Ein Eisvogel landet auf dem Pfosten neben unserem Boot und späht im torfbraunen Wasser nach Fischchen. Wow, dieser leuchtend orange Bauch, der blau schillernde Rücken – man stellt sich die Farben vor. Mit dem Vogelbuch beweise ich den Kindern, dass der Eisvogel nicht deshalb so heisst, weil er grau wie Eis ist.

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Der Agri-Show auf dem Hof von Claire, der Reitlehrerin der Mädels, werden wir heute so oder so einen Besuch abstatten. Unsere schmucken blauen Segelstiefel können wir ja nachher mit dem Hochdruckreiniger abschlammen. Und im schlimmsten Fall spielen wir dort Uno – im Camper. Einfach bis 14 Uhr, dann müssen wir im Pub «Dog & Duck» sitzen, um mit den Iren im Viertelfinal gegen die Franzosen mitzufiebern. («Guiness is good for you!»).

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Raus, um zu fötelen geht gar nicht; wird alles grau, das kannste niemandem zeigen. Sogar meine Unterwasserkamera meldet beim Aufstarten: «Stellen Sie für das Fotografieren unter Wasser sicher, dass alle Abdeckungen geschlossen sind!» Nadine hat deshalb die passende Technik zum Festhalten der schönen Landschaften gefunden: Nass-in-Nass-Aquarelle. Da kannste auch die Farben etwas mediterran aufpimpen.

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So, ich muss los. Silvan hat das Boot leergeschöpft und die Ruten gepackt. Klar, Fischen geht immer. Bei jedem Wetter. Aber ich will euch ja nicht langweilen mit unseren Hecht- und Egli-Stories…

Bilder: Nadine
Text: Steff

 

Animal Land

In genau 60 Minuten müssen wir den Campingplatz in Dublin verlassen haben. Die Iren nehmen es hier genauer als die Franzosen. Lynn hat soeben ihren allerersten Film alleine geschnitten (siehe oben). Ich muss noch die Velos in den Hänger stauen, WC-Kanister leeren (keine Details hierzu) und Geschirr spülen. Nadine macht Unterricht mit den Kids.
Drum nur ein paar Stichworte (Details hierzu folgen): Gut gelandet auf der grünen Insel, gestern unser allererstes Aupair getroffen: Aurélie de France (Oreli-li-li-li, wie klein Silvan früher zu sagen pflegte); sie lebt seit zehn Jahren in Irland. Chicken und Chips von der Tankstelle sowie ein paar wunderschön gefärbte Eglis genügten, um Silvan schon am ersten Tag schwelgen zu lassen: „Irland isch eifach geil!“
Wir hoffen, dass die Iren heute Abend Italien besiegen und dann weiterhin an der EM mitkicken dürfen. Wie sagte doch ein irischer Nationalspieler gestern zum Dubliner Blick: „I’m not yet ready to go home!“
Jetzt sind’s noch 54 Minuten, bis wir hier weg sein müssen.

Video: Lynn
Stichworte: Steff