Falsche und echte Seehunde

Sie sehen aus wie ein Rudel Seehunde, die ihre Köpfe neugierig aus dem Wasser strecken. Die Surfer, die vor dem Luxusstrand in Biarritz auf ihre perfekte Welle warten. Ich stehe mit der Kamera bereit, um einen schönen Ride zu filmen. Und ich stelle fest: Der abgewetzte Anglerwitz passt eigentlich fast besser aufs Surfen: «Was ist noch langweiliger als Surfen? Beim Surfen zuschauen!» Im Ernst: Die hocken eigentlich die meiste Zeit im Wasser und warten. Oder paddeln wieder raus, nachdem sie von einer halbperfekten Welle verspült wurden. Ab und an schafft es einer, aufs Brett zu stehen und eine Welle zu surfen. Das sieht dann nicht mehr aus wie ein Seehund. Aber vielleicht ist es wirklich wie beim Fischen: Es gibt Tage, da beisst es einfach nicht. Ulkig ist, wie hier die Surfer im Neopren und mit dem Brett unterm Arm am Joggen sind. Oder barfuss aus dem Bus steigen. Ganze Schulklassen rennen in Biarritz durch die Stadt und an den Strand, alle im Neopren und mit Brett. Wahrscheinlich gibt es hier Surfen als Schulfach. Ja, es gibt auch Surferinnen. Wie diese grosse Engländerin mit der blonden Löwenmähne, die sich mit nackten Beinen (ohne dicken Neopren) ins 14 Grad kalte Wasser traut. Engländer «si herti Sieche», würde mein Göttibub Michu jetzt sagen – die weibliche Form immer mitgedacht.

Szenenwechsel und zweihundert Kilometer weiter nördlich. Immer noch am Atlantik; ohne Wellen, weil im Bassin d’Arcachon. An unserer geliebten Dune du Pyla, der höchsten Sanddüne Europas, an der wir schon zwei ganze Sommerferien verbracht haben. Wir angeln auf Wolfsbarsch und warten auf den Sonnenuntergang. Hier gibt es die schönsten der Welt. Sonnenuntergänge, meine ich. Wolfsbarsche auch. Die ganze Familie angelt, alle sind noch etwas infiziert vom andalusischen «Black Bass Virus». Aber heute beisst nichts. Fast nichts, Nadine zieht als einzige einen kleinen Wolfi raus.
Aber was ist das dort drüben? Ein Taucher? Weg ist er, abgetaucht. Wir werfen weiter unsere Wobbler raus und schauen immer wieder zu jener Stelle rüber. Verdammt, wie lange kann denn so ein Schnorcheltaucher unter Wasser bleiben? Plötzlich kommt sein Kopf wieder hoch, kaum zehn Meter vor uns. Der Taucher schaut uns neugierig an – mit schwarzen Kugelaugen und langen Schnurrhaaren. Ein echter Seehund! Das haben wir hier im Bassin noch nie gesehen.
Eine kurze Internetrecherche bestätigt: Es gibt auch nur diesen einen. Er wurde aus irgendeinem Zoo ausgewildert und fühlt sich bei den Surfern und Schwimmern puddelwohl. Die Leute hier nennen ihn liebevoll «You». Witzig: Auf Französisch heisst Seehund «Phoque». Und so wird unser neuer Freund in der lokalen Presse «Phoque You» genannt. Ich lach mich tot. Obwohl: Nadine und ich sind uns nicht einig darüber, ob den Franzosen die Bedeutung dieses Wortspiels wirklich bewusst ist.
Beim zweiten Mal, als «Phoque You» hochkommt, hat er eine Flunder im Maul, gross wie ein Dohlendeckel. Er schüttelt sie zweimal und schlingt sie dann runter. «Doch, doch, es gibt viele Fische, sonst wäre ich ja nicht hier», scheint er uns zuzurufen, «man muss halt wissen, wie man sie fängt.»

Text und Video: Steff
(Soundtrack: Beach Boys – Surfin‘ USA; Syriana – Movie Soundtrack)

Von Meer zu Meer

Unser Campingnachbar Ed hat uns gewarnt vor den «Faked Police Cars». Gefälschte Polizeiautos mit falschen Polizisten, welche einen auf den Autobahnen der Madrider Peripherie anhalten. Dann bemängeln sie deine Pneus oder den fehlenden Feuerlöscher. Und falls du einen hast, den fehlenden zweiten. Dafür musst du dann eine Busse bezahlen – in Cash natürlich. Das Geschäft scheint zu funktionieren, denn es laufe seit Jahren immer gleich, meint Ed. Vorgestellt hat er sich mit «Ed – Edward». In einem ähnlichen Tonfall wie «Bond – James Bond». Er war ein Leben lang bei der britischen Navy und arbeitet jetzt als «Consultant for the British Government», wie er sagt. Für den MI6, den Geheimdienst, vermute ich. Ed und seine Frau Jenny (mir kommt dabei immer die Jenny von Forest Gump in den Sinn) sprechen fliessend Spanisch und kennen den Weg von Bilbao, wo sie jeweils mit der Fähre landen, bis hierher nach Andalusien in- und auswendig. Gestern haben wir Jenny und Ed zwei fette Makrelen geschenkt, die wir draussen erwischt haben. Im Gegenzug erhielten wir Informationen, die sonst nur Mitarbeitern des Geheimdienstes zugänglich sind. Eben wie jene über die «Faked Police Cars».
Genau 1712 Kilometer liegen vor uns, von Castillo de Baños bis in den Hafen von Lorient, wo wir an Bord von Loïcks Segelyacht gehen werden. Die Fahrt ist lang, aber Nadine und ihr Camper sind ein echtes Meilenfresser-Team. Heute fahren wir aber nur bis Biarritz, der Surfer-Schicki-Micki-Stadt am Atlantik. Von Meer zu Meer quasi. Alle paar hundert Kilometer steht ein riesiger Toro aus schwarzem Blech auf einem Hügel über der Autobahn und erinnert einen daran, dass man immer noch in Spanien ist. Abwechselnd ist es auch mal ein Gitarrenspieler. Dann ein Lastwagen, der von der Strasse abgekommen ist und völlig «verchrugelt» im Graben liegt. Sieht übel aus. Eine Weile passen wir noch besser auf, wenn wir einen dieser Lastwagen überholen. Weil meistens fummelt der Fahrer am Handy rum, ist am Funken oder schaut ein Video. Erstaunlich, dass es nicht noch mehr Unfälle gibt.
Auf der Gegenfahrbahn braust ein Sattelschlepper mit einem ultralangen Irgendwas drauf vorbei. «Hast du gesehen, was der transportiert?», frage ich Nadine, die in einem bewundernswerten Zustand von entspannter Konzentration fährt und fährt. «Ein Segelflieger?» Nein, das war ein einziger Propellerflügel von diesen riesigen Windturbinen, die überall auf den Bergen stehen. Ein einziger Flügel! Riesenlang sind die, wenn man sie einmal am Boden sieht.
Dann Madrid, die Metropole im Herzen von Spanien. Ich bin Beifahrer, Navigator und Detektor für «Faked Police Cars». Navis sind ja eine super Sache, aber man muss stets wachsam sein, dass sie einen nicht nur kürzest oder schnellstens lotsen, sondern auch intelligent. Hoffentlich erwischen wir die M50, die Peripherie-Autobahn, die uns «Ed – Edward» vom MI6 als weiterer Geheimtipp angegeben hat. Und nicht eine dieser Schnellstrassen, die mitten in die Stadt führt. Es klappt. Und einmal sehen wir sogar einen Sattelschlepper, vollbeladen mit Polizeiautos. Alles «Faked Police Cars», sind wir sicher.

Text und Video: Steff (Soundtrack: Blues Brothers Main Theme)

Die Schuputzstrasse

 

Ist ja nicht so, dass wir nur immer am Pool rumhängen (die einen) oder mit dem Boot auf dem Meer rumangeln (die anderen). Seit der Schlammwanderung im Nationalpark El Torcal vor gefühlten zwei Monaten liegen unsere Turnschuhe lehmverschmiert in einer Kiste. Dort stand nämlich auf der Toilette im Visitor Center auf 1300 Meter über Meer: „Schuhe auf keinen Fall  mit Wasser putzen, sondern trocknen lassen und ausbürsten“ (sinngemäss; hat Nadine aus dem Spanischen übersetzt).
Eine kräftige Schuhbürste, das ist es, was wir vergessen haben einzupacken. Aber jetzt haben wir eine gekauft. Doch der rote Dreck ist hartnäckig. Müssen diese Schuhe entsorgt werden, kaum hat Zalando sie geliefert (Ich schrie vor Glück!). Nein, nein, aber jetzt braucht es eine richtige Putzstrasse – wie damals im Milidäär beim Retablieren.
Gleich nach dem Schulunterricht geht’s los. Station 1: Trockene Reissbürste und Sohlenkratzer aus Bambus geschnitzt; Station 2: Grüner Fischeimer mit Seifenwasser und Handbürsteli aus dem Campingladen; Station 3: Wasserschlauch zum Abspritzen und Handbürsteli zum Nachputzen; Station 4: Trocknen auf der Strasse.
Der Vormittag ist um. Aber dafür sind jetzt auch die Turnschuhe bereit für das heikle Deck der Segelyacht. Morgen fahren wir los Richtung Bretagne. Hasta luego Andalucía!

Text: Steff
Fotos: Milena

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Sightseeing-Sendepause

Zwei Städte später sind sich alle einig: Es braucht eine Pause zum Chillen. Geplant war die Weiterreise von Granada direkt nach Norden.  Aber nach einem Blick auf die Wetterkarte wird schnell klar: Vorerst geht’s nochmal nach Süden ans Meer. Hier kann man so richtig schön die Beine hochlagern (oder Angeln). Dank Steffs Apps und seinem Recherchier-Eifer ist der ideale Campingplatz schnell gefunden. Einfacher Zugang zum Meer für das Boot, schöner Pool, Stellplätze mit Meersicht, alles vorhanden in Castillo de Baños. Friede und Freude herrscht.

Text: Nadine
Video: Steff (Soundtrack: Leona Lewis – Fire Under My Feet)

Die etwas andere Alhambra

Und wieder einmal sind wir auf einen gut inszenierten PR-Gag reingefallen. Auf einen, der seinen Ursprung im 19. Jahrhundert hat. Schon damals war es – ist ja klar – ein Ami, der die Kampagne «Alhambra» zum Fliegen brachte. Er hiess Washington Irving und wacht heute als grünspanüberzogene Bronzestatue auf dem langen Weg, den man als Besucher von der Stadt her kommend der Burgmauer entlang gehen muss, bis man endlich vor dem Haupteingang steht. «Hijo de la Alhambra» steht würdigend auf Irvings Statue. Als romantischer Dichter hat er die damals zerfallenden Ruinen als Schauplatz seiner literarischen Höhenflüge gewählt. Andere Musiker, Maler und Schriftsteller folgten ihm. Das Orientalische wurde zum Hype mystifiziert, die Alhambra zur Kultstätte erkoren. Auch der Däne Hans Christian Andersen surfte mit seinen «Märchen aus 1001 Nacht» auf dieser Welle. Damals musste jeder, der etwas auf sich hielt, zur Alhambra. Und heute müssen auch solche, die nichts auf sich halten, dorthin. Wir zum Beispiel. Zusammen mit den anderen 8000 Besuchern, die täglich (!) durch die Palaststadt wandeln.

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«Wir können nicht nach Granada, ohne die Alhambra zu sehen!» hat Nadine gemeint. Doch, insgeheim würde ich mir das durchaus zutrauen… Aber: «Nein, klar, können wir nicht!» (Ganz unter uns: Ich war vor dreissig Jahren schon mal hier, als ich mit meiner damaligen Freundin durch Andalusien getrampt bin. Und die Alhambra hat mich schon damals nicht aus den Socken gehauen). Tickets gibt es nur online. Und du musst dich auf einen exakten Halbtag festlegen. Wochen zum Voraus, sonst hast du keine Chance. Sogar Monate zum Voraus, wenn du auch ins Innere der so genannten Nasridenpaläste willst. Dorthin, wo scheint’s die Post abgeht. Mit kunstvollen Mosaiken, Wasserspielen und so. So hat sich denn die Planung unseres gesamten Andalusientörns um diesen Nachmittag des 19. Mai herum gedreht.

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Das heisst: Tickets ist eigentlich übertrieben. Du kriegst eine blutte Referenznummer, mit der du dann deine Karten am Vortag an irgendeinem Schalter abholen musst. Zum Beispiel am Bankomaten der «Caixa Bank» vis-à-vis der Kathedrale in Granada. Dort musst du exakt die Kreditkarte, mit der du online bezahlt hast, in den Schlitz schieben und den Menu-Anweisungen folgen. Oben am Bankomaten steht: «Ich bin auch ein Alhambra-Ticketomat». Kleiner Scherz; meine Nerven sind zum Zerreissen gespannt. Ob das wirklich klappt? Doch, das erste Billet kommt reibungslos heraus geflattert. Aber dann ist Schluss. Nix mehr geht. Hinten auf dem Trottoir beginnen die Kinder rumzualbern, weil sie nichts zu tun haben. Und weil ich mich umdrehen muss, um sie zurechtzuweisen, verpasse ich die vielleicht relevante Mitteilung auf dem Screen. Ich poltere an den Automaten, wie früher an einen Flipperkasten. Hilft nichts. Nur die Leute schauen blöd. Wir wechseln an den zweiten Automaten links. Dort können wir Billet drei, vier und fünf drucken. Plus die Quittung dafür. Heisst: Ein Ticket fehlt. «Das ist sicher meins», sage ich hoffnungsvoll, «jetzt muss ich draussen in einer Tapas Bar auf euch warten, ich Armer!» Wir können‘s dann am nächsten Tag an einem Schalter beim Haupteingang regeln. Dort, wo ein Security-Mann mit Pistole im Halfter und echten Patronen im Gürtel jeden, der die falsche Gasse zwischen den Absperrbändern erwischt (und das ist fast jeder), mit einem scharfen «Holá, Tickets?!» in die vorgesehenen Schranken weist. Das amtliche Spanien ist korrekt, aber nicht freundlich, finde ich.

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Übrigens: Dass die Alhambra heute noch steht, verdanken wir einem pfiffigen spanischen Soldaten. Vor ziemlich genau zweihundert Jahren nämlich wurde Napoleons Heer von den spanischen Guerillakämpfern geschlagen und musste sich aus Spanien zurückziehen. Dabei wollten die Franzosen noch kurz die Alhambra in die Luft sprengen, damit den Spaniern ihre dort gelagerte Munition nicht in die Hände fiel. Aber der Guerillakrieger Pedro Gonzales (oder so) hatte sich in den roten Lehmmauern der Burg versteckt und löschte flugs die brennende Lunte. So die Kriegslegende.

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Erbaut, erweitert, umgebaut und verschönert wurde die Alhambra während rund 250 Jahren von den arabischen Sultanen der Nasriden-Dynastie. Von 1250 bis 1500 herrschten diese in Andalusien, bevor sie auch diesen letzten Teil der iberischen Halbinsel den katholischen Königen überlassen mussten. Wir wollen hier nicht in die Details gehen, denn die rund 25 muslimischen Herrscher jagten einander fast schneller vom Thron, als sie darauf absitzen konnten. Und jeder von ihnen wollte sich während seiner kurzen Herrschaftszeit in Form eines Palastes – oder mindestens einer Erweiterung – verewigen. Ich stelle mir das etwa so vor, wie das Schoggi-Spiel an Kindergeburtstagen: Bevor ich die Mütze, Sonnenbrille und Handschuhe angezogen habe, um Schoggi zu essen zu dürfen, hat schon wieder jemand anders eine sechs gewürfelt, und ich muss alles wieder ausziehen und weitergeben. So entstanden dann diese Nasriden-Paläste, in die wir eben leider keinen Einlass erhalten – ausser wir würden die kommenden sechs Wochen vor der Alhambra campen und warten. Aber im Gift-Shop kaufen wir die Alhambra-DVD und können so die geführte Tour durch die Paläste bequem vom Camper aus geniessen.

Alhambra-Nasridenpalast

1492 – also genau in dem Jahr, als Kolumbus in Amerika landete – eroberten Königin Isabel zusammen mit ihrem Kumpel Ferdinand von Aragón die Stadt Granada und damit auch die Alhambra. Für die Moslems waren die Kapitulationsbedingungen eigentlich recht cool. Zumindest anfänglich durften sie in Granada wohnen bleiben und ihren Glauben weiterhin praktizieren. Das änderte sich dann aber bald. Den Moslems wurde es darauf zu ungemütlich. Ein paar konvertierten zum Christentum, und die anderen zogen sich wieder nach Nordafrika zurück. Und in der Alhambra war dann plötzlich niemand mehr, der den Katholiken die ausgeklügelte Bewässerungsanlage der Araber erklären konnte.

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«Weisst du, schon damals rangen die christliche und die moslemische Kultur in Europa um dieselben Fragen von Abgrenzung und Integration», will ich für meinen Sohn die Brücke zur gesellschaftspolitischen Gegenwart schlagen, «heute diskutieren wir darüber, ob es ok ist, wenn moslemische Schüler ihrer Schweizer Lehrerin die Hand nicht geben wollen. Das ist im Prinzip genau dasselbe.» «Und, Papi, findsch das guet, das mit em Hand-nöd-geh?» Ich zögere ganz kurz, dann gebe ich ihm die ehrliche (SVP-) Antwort: «Nein, finde ich nicht!» Sein «Ebe gäll!» kommt ebenso prompt.

Vom Fischerparadies in den Fischerhimmel

Vielleicht kennst du dieses Gefühl: Du drehst seit Tagen einen wichtigen Gedanken im Kopf und überlegst dir, wie du ihn deiner Umwelt mitteilen könntest. Am Schluss lässt du es bleiben, weil du weisst: Niemand wird dich verstehen. Schon gar nicht ein Nicht-Fischer.
Wir wagen’s trotzdem. Nicht nur das Schreiben drüber, sondern auch das Angeln selber. Genauer: Das Fischen auf den «Black Bass», den Schwarzbarsch: Gilt übrigens als Königsdisziplin unter den Spinnfischern. Siehst du, schon sind wir in die Falle des Anglerlateins getappt: Spinnfischer. Doch, irgendwie ist es schon etwas für Spinner, wie wir sie sind. Aber ein Spinner ist auch eine bestimmte Art Kunstköder, den man aktiv durchs Wasser führt, um so den Fisch zum Biss zu verführen. Und ein Wagnis ist das Angeln für uns deshalb, weil die meisten Infos, die wir zum Voraus über Black Bass Fischen in andalusischen Stauseen erhalten haben, in einem müden Abwinken bestanden haben.
Unser Übernachtungsplatz liegt oberhalb einer flachen Bucht. Türkisblau der See, bizarr die vielen toten Bäume, die von weitem wie aufgestellte Zündhölzer aus dem Wasser ragen. Ein Paradies, sogar für Nicht-Angler in unserer Familie – genauer gesagt: Noch-Nicht-Anglerinnen. Denn das wird sich bald ändern. Die Bäuche noch voll von den Tapas, die wir in einem wunderschönen Pueblo Blanco genossen haben, ziehen wir los, in der Hand eine leichte Spinnrute, in der Tasche ein Kistchen mit ein paar Wobblern. Oh, Pardon, schon wieder: Wobbler, das sind Fischimitationen aus hartem Plastik, welche verführerisch tanzen, wenn man sie durchs Wasser zieht. In meinem Fall: übers Wasser; wie ein verletztes Fischchen, welches wehrlos an der Wasseroberfläche trudelt.
Der Moment, in dem der Black Bass an die Oberfläche kommt und meinen Wobbler in sein riesiges Maul saugt, dauert nur Sekundenbruchteile. Um ganz ehrlich zu sein: Man stellt sich die Szene mehr vor, als dass man sie sieht. Ein Platschen und dann spürt man Zug auf der Schnur. Die Rute krümmt sich. Für uns Angler ist genau dieser Moment der Schlüsselreiz, den man immer und immer wieder sucht. Klar ist es schön draussen in der Natur. Klar ist es gesellig mit anderen zusammen zu angeln. Und klar essen wir auch gerne Fisch. Aber eigentlich geht es uns um den Biss und um den Drill danach. Noch einmal Pardon: Drill, so nennt man den Kampf des Fischers mit dem Fisch, der sich wehrt. Armer Fisch? Sicher. Aber wir sind halt eben die Angler, und der Fisch ist leider der Fisch. So ist es nun mal. In Klammern: Hier lassen wir alle gefangenen Fische wieder schwimmen. Obwohl der Black Bass ein ausgezeichneter Speisefisch ist: Vom letzten Angeltrip auf dem Meer haben wir noch genügend Fisch im Kühler. Klammer zu.
Die Sprünge, die ein kräftiger Bass im Drill macht, brennen sich ins Nervensystem eines Anglers ein. Fast wie ein Trauma-Erlebnis, nur positiv halt. Aber mit ähnlichen Symptomen: erhöhter Erregungszustand noch lange danach sowie flash-back-artige Erinnerungsbilder, insbesondere beim Einschlafen. Wir sind im Fischerparadies angekommen.
Das macht nicht nur süchtig, sondern steckt auch an – sogar die Nicht-Anglerinnen in unserer Familie. Plötzlich wollen alle einen Bass am Haken haben. Aber eben: Beim Bass Angeln heisst ein Biss noch lange nicht, dass man den Fisch auch landen kann. Nicht umsonst ist es die Königsdisziplin. Wir fischen unsere Köder ohne Widerhaken. Und so kann ein aus dem Wasser springender Bass den Wobbler immer mal wieder abschütteln. Bei Neu-Anglerinnen häufiger als bei geübten.
Weiterfischen, denn nur wer fischt, fängt. Konzentriert, nein fiebrig werfen alle ihre Wobbler aus und hoffen auf den kräftigen Ruck in der Rute. Das ist in meinen kühnsten Träumen noch nie vorgekommen: Die ganze Familie steht am Ufer und angelt. Ich schwebe im 7. Fischerhimmel. Von hier will ich nicht mehr weg – nie mehr.

Mit Sergio am Guadalquivir

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«Immer wieder mal fängt man hier einen Bass», meint Sergio (sprich: «Serchio») aus Sevilla aufmunternd. Als wir von unserer Sightseeing-Tour in der Stadt zurück radeln, entdecke ich unterhalb der Brücke über den Guadalquivir einen Fischer. Wir sehen auf den ersten Blick, dass es ein Spinnfischer ist. Das bedeutet: Einer wie wir. Wir klettern den Hang hinunter und Papa fragt ihn auf Spanisch auf was er angle. Als er antwortet «auf Blackbass», sind Sergio und wir schnell Freunde. Ich will so schnell wie möglich meine Angelsachen aus dem Camper holen und meine Köder auswerfen. Doch ich denke mir: «Ich glaube nicht, dass ich etwas fangen werde. Black Bass Fischen ist schwierig. Aber probieren geht über Studieren.» Schliesslich packe ich mir ein paar Wobbler, eine Drop-Shot-Montage und die sensible Sakura-Rute, die wir noch kurz vor der Reise auf Ricardo gekauft haben.

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Kurz darauf mache ich meinen ersten Wurf. Es gibt an meiner Angelstelle einen ziemlich hohen Steg, unter den ich ein paar Mal werfe. Doch dort ist nichts. Also schmeisse ich meinen Köder mal in die andere Richtung. Nach einigen Würfen habe ich immer noch keinen Biss. «Ich will weiter», denke ich. Doch da Papa auch noch kommen will, und wir beim ersten Steg abgemacht haben, muss ich dort noch ein bisschen weiter angeln. Plötzlich höre ich ein Platschen und sehe, dass ein Black Bass gesprungen ist. Kurz darauf trifft mein Wobbler an der Stelle, wo ich das Platschen gehört habe, auf der Wasseroberfläche auf. Ich ziehe meinen Köder ziemlich nah am Ufer entlang und denke aufgeregt: «Wann kommt Papa endlich?» Noch in Gedanken versunken spüre ich plötzlich einen heftigen Biss in der Angel. Ich schlage an. Und wirklich: Der Fisch hängt. Es ist kein spektakulärer Drill, aber trotzdem bin ich überdimensional aufgeregt, da ich meinen ersten Black Bass unbedingt an Land bringen will. Als ich den Bass lande, greif ich sofort zu meinem Handy, um den Bass zu fotografieren. Ich bin so aufgeregt, und zittere so, dass ich kaum das Handy ruhig halten kann, um ein anständiges Foto zu schiessen. Ich schicke das Foto sofort an Papa und teile ihm mit, dass er sofort kommen soll. Ich bin einfach nur über glücklich.

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Sergio, Papa und ich angeln zu dritt vom gleichen Steg aus. Ein traumhafter Fischerabend. Was ich dort bemerkt habe ist: Für den Black Bass muss man praktisch gleich angeln, wie für den Egli bei uns im Zürichsee. Von Sergio bekommen wir ein paar super lokale Tipps. Spinnfischer in allen Ländern verstehen sich gut. Schliesslich geht es bei uns allen ums Selbe: Schlauer sein als der Fisch, und ihn an den Haken zu locken.

Text: Silvan

Chicken Wings, Mami!

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Ganz ehrlich? Also ich hatte mich auf viel selber kochen eingerichtet. Meine vagen Erinnerungen an meinen ersten Spanienaufenthalt, von dem ich kulinarisch vor allem Tortilla de Patatas mit nach Hause gebracht habe, liessen mich nicht in Vorfreude schwelgen. Das Gelächter meiner Eltern damals, als ich meine home made Tortilla versuchte, verfolgt mich bis heute. Ich war damals gerade 16 und ein Koch-Neuling. Dummerweise hatte ich nicht bedacht, dass rohe Kartoffeln deutlich länger brauchen als Eier, um gar zu werden. Und schon allein das Wort Gazpacho (für Steff: das ist die kalte Gemüsesuppe, die kennen alle) löst bei mir Gänsehaut aus.Mein erster Blick in eine spanische Speisekarte hilft da auch nicht weiter, sie hätte genauso gut auf Chinesisch sein können.

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Und alle schwärmen von Tapas. Vor allem die Spanier selber. Wenn man sich umschaut, hat man sogar das Gefühl, es sei ihre Hauptbeschäftigung. Scheinbar ist das auch so, die halbe Nacht steuern sie Bar um Bar an, trinken Cerveza, essen Tapas und reden – viel, schnell und laut. Eine Restaurant-Tafel fordert uns auf: TAPEA CON NOSOTROS. Also gut: jamón und queso curado, geht glatt durch, aber dann wird es abenteuerlich: Albóndigas con salsa, lagrimitas de pollo, pinchas de pollo, croquetas (und mit was drin bitte schön?), patatas bravas (mutige Kartoffeln, auf was muss man sich wohl da gefasst machen?), alitas de pollo, nette Variationen von calamares, chipirones; boquerón; montadas… Ich bin heillos überfordert – und Steff sitzt mir im Nacken, er hat Hunger: «Bestell doch einfach, du kannst ja Spanisch.» Super!
Vorsichtig taste ich mich beim ersten Mal an Bekanntem entlang und wage ein paar mutigere Einlagen. Bei 2 Euro das Tellerchen kann man ja nicht viel falsch machen. Zur Überraschung aller konnten wir uns die Bäuche vollschlagen, mit Betonung auf ALLE! Seither sind wir Fan und mausern uns zu echten Tapas-Profis. Wenn wir die Zelte in Spanien abbrechen, werde ich die Tapas echt vermissen.
Bodega Zürich – Ich komme!

Text und Fotos: Nadine

Giftige Pilze in Sevilla

 

Lustige Filmchen, nette Blog-Texte; das könnte ja den Anschein erwecken, wie wenn auf unserer Reise alles paletti läuft. Immer eitel Sonnenschein im Familienleben, gute Laune auch dann, auch wenn‘s draussen Katzen hagelt. Hauptsache, wir haben uns gern und Spass zusammen. Nein, so ist’s nicht. Ganze vierundzwanzig Stunden von unserem Aufenthalt in Sevilla laufen echt auf Low-Level, was die Family Stimmung betrifft. Der Tagesstart ist zwar gelungen, wirklich: Friedlich dem Guadalquivir entlang radeln, zusammen mit dem joggenden, bikenden oder rudernden Teil von Sevilla. Das sind gefühlt fast alle. Der kleine Rest sitzt am heutigen Pfingstsonntag in irgendeiner Kirche oder bereits in einer Tapas-Bar. Ziel war der «Metrosol Parasol», jenes pilzartige imposante Bauwerk, das der deutsche Architekt Jürgen Mayer für die Weltausstellung 1992 gebaut hat (und genau hier hört mein Reiseführer-angelesenes Wissen darüber bereits wieder auf). Dort dann eine public Fitnessshow mit strammen Hantel-Pablos, deren Bizeps den geschätzten Umfang meiner Oberschenkel haben. Das ist eigentlich noch ulkig.
Aber plötzlich schleicht sich von hinten die Nervhexe ran, ganz still und heimlich. Wahrscheinlich etwa dann, als vier Fünftel der Familie Hunger anmeldet und der spanisch sprechende fünfte Fünftel eine geeignete Tapas-Bar ausfindig machen muss. Und dies, obwohl dieser fünfte Fünftel noch weit weg von irgendwelchem Hungergefühl ist: «Was, Hunger? Wir haben doch gerade ausgiebig gefrühstückt…?!» Das misslingt dann ziemlich, das mit der Szenen-Tapas-Bar. Niemandes Schuld, einfach ein Missgriff, wie er auf einer Reise immer mal wieder vorkommt. Beharrlich kauen wir an unserem ledrigen Fleischspiess rum und schweigen höflich. «Mmh, fein, diese Pommes», meint unsere Jüngste beschwichtigend.
Dann die Besichtigung des 26 Meter hohen Pilzes. Wieder einmal Anstehen an der Kasse – sollen wir überhaupt rauf? Was sieht man denn da oben? Doch, klar, wenn wir schon hierher geradelt sind, bezahlen wir auch die paar Euros für den Lift ganz nach oben. Wir haben schon viel längere Warteschlangen erdauert. Der für alle spürbare Stimmungsknick kommt dann ganz zuoberst, parallel zum wunderbaren Ausblick über die Stadt, dem herrlichen Wetter und dem vollen Magen. Eigentlich hätte jetzt alles gepasst. Und trotzdem: Ich spüre ein wachsendes Unbehagen diesem Stadtbesichtigungskonsum gegenüber. Habe ein noch nicht artikulierbares Bedürfnis nach Beschaulichkeit und Ruhe, oder nach Tätigkeit und Interaktion mit hier lebenden Menschen, ich weiss doch auch nicht. Auf jeden Fall hätte ich besser den Schnabel gehalten. Doch zu spät, es ist schon raus: «Jetzt hab ich’s dann gesehen mit diesem Sightseeing…» Die Antwort kommt prompt, der Ton schneidend und alles klarstellend: «Wieso, wir haben doch noch gar nichts gesehen!»

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Die Nervhexe steigt auf ihren Besen und fliegt mit einem hämischen Grinsen über die Brüstung. Und gleichzeitig klettert der Beziehungsteufel über das Geländer. Und wie immer: Er ist in Hochform. Die Details ersparen wir uns: Das wortlose Heimstrampeln auf den grünen Radwegen Sevillas, das missmutige Grillen auf dem Camperstellplatz (während Silvan seinen dritten Black Bass aus dem Rio Guadalquivir angeln darf). Wieso ist Grillen eigentlich IMMER Männersache? Über den ausbleibenden Gutenachtkuss und das zu stille nebeneinander Schlafen schreiben wir nichts (wir hätten ja eigentlich geschlafen). Am nächsten Vormittag dann die Grundsatzdiskussion – wiederum bei strahlendem Wetter (Angelwetter zum Beispiel?). Das Gezeter darüber, was gemeinsames Reisen für jeden von uns bedeutet (Angeln?) und nicht bedeutet (Angeln!). So lange, bis jeder von uns am liebsten allein weiter oder allein heimgereist wäre, Hauptsache allein. Und die Kinder es langsam gesehen haben mit brav «Hornöchslen» Spielen im Camper.
Übel, übel. Aber keine Bange, das Happy End ist in Sicht. In Form eines wunderschönen – nein des allerschönsten, das es in Andalusien gibt – Pueblo Blanco. Die berühmten weissen Dörfer. Haben wir gemeinsam recherchiert. Genauer: SIE hat es mit Reiseführer und Internet zuerst entdeckt und ICH fand’s dann auch super. Nicht nur wegen des nahen Stausees, in dem es (hoffentlich) Black Bass zu angeln geben könnte. Nein, eine echte Perle, dieses Zahara de la Sierra. Wie es da oben im Fels klebt. Sprudelnde Quelle oberhalb der Kirche, wo gerade ein Leichenzug in Stille  schreitet; steiler Spaziergang zur Burg hoch, aber nur gerade so kurz, dass die Kids nicht motzen; und dann die beste Tapas Bar auf dem friedlichsten Plätzchen, das man sich nur vorstellen kann.
Hasta luego, Beziehungsteufel – holá, Venus! Klar ist hier zwischen uns noch ein Plätzchen frei. Sie darf dann auch mitfahren, die paar Kilometer bis an den Stausee, wo wir einen Nachtplatz mit einem Wahnsinns Ausblick finden. Vom riesen Black Bass, der sich kurz vor Sonnenuntergang noch meinen Wobbler schnappt, schreib ich ein ander Mal. Aber geträumt habe ich das bestimmt nicht. Suerte!

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Video: Steff
Sound: Heinz de Specht (Andersch)

Text: Steff (autorisiert: Nadine)